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Sonntag, 11. Februar 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 26)

Teil 26: Von Fahrer zu Fahrgast


Wir fahren mit Uber. In einer US-amerikanischen Kleinstadt wie New Haven mit 130.000 Einwohnern eine halbe Stunde auf ein Taxi zu warten, ist keine Alternative. Die Yale-Shuttles fahren auch nicht immer und überall. Mit Uber ist in drei bis vier Minuten der Transport geregelt. Via App. Ich mache hier sicher keine Werbung für das Unternehmen. Vergessen wir aber einmal die sozioökonomischen Aspekte. Konzentrieren wir uns auf die sozialen, d.h. die zwischenmenschlichen. Gespräche mit Taxilenkern sind schon spannend. Und das weltweit. In den Uber-Fahrern trafen wir in den USA die interessantesten Gesprächspartner. Aus aller Welt. Spannenderweise saßen bisher nur zwei Frauen am Steuer. Beide junge und patente Afroamerikanerinnen. Weder die eine noch die andere hatte Angst, Fahrgäste in der Nacht durch New Haven zu steuern. Wie gesagt, eine Kleinstadt. Mit Uni. Einem goldenen Käfig von der Armut umringt wie das kleine gallische Dorf von Römerlagern. Die betrunkenen College-Studenten, die Nachtens von einer Bar zur anderen oder heim ins Bettchen gefahren werden wollen, die wären zwar laut und nervig, aber harmlos. Eine Beobachtung, der ich mich anschließe. Außerdem sind die im Vergleich zu den Vollzeitstudenten wenigen partylaunigen Youngsters im Moment halb erfroren. In kurzen Hosen und T-Shirts steif wie die Leguane in Florida. Der nächste Frühling und Sommer kommen indes bestimmt. Durst ist schlimmer als Heimweh. Und einige Fahrten führen aus der Gated Community hinaus. Ich bin mir darum sicher, dass die freundlichen jungen Uber-Fahrerinnen etwas Verbindliches zu ihrem Schutz im Handschuhfach mitführen. Generell empfiehlt es sich, sein europäisches Autofahrergemüt und seinen so leicht im Verkehr gekränkten Stolz zu zügeln. Also nicht mit rotem Kopf Beschimpfungen zu brüllen und/oder seinen Mitmenschen Vögelchen und Fingerchen zu zeigen. Die Chance ist groß, dafür geschwind in den Lauf einer Shotgun oder ähnlichem Geschütz zu schielen. Mitgeführt von einem selbstständigen Unternehmer windigen Gewerbes, eines wehrhaften Republikaners oder gar gleich eines schlecht gelaunten Officers. Letztes wäre übrigens der Jackpot. Von einer Nacht in der Zelle träumt doch jeder. Wer eine Reise tut, der will auch was erzählen.
Die USA waren und sind ein Einwanderungsland. Seit die ersten Jäger und Sammler via Eisschollen und über die Beringstraße hierher wanderten. Die einzige aus dem Kontinent geborene humanoide Lebensform haben die Migranten aufgefressen, das Riesenfaultier. Auch die einheimischen Pferde, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Menschen aus aller Herren Länder kamen und kommen hierher. Die komplette Farbpalette der gegenwärtigen Welle fährt für Uber. Zusammen mit rüstigen Rentnern und Zweit- oder Drittjobholdern. Die Gespräche, die sich daraus ergeben sind spannend, informativ und gelegentlich verstörend. Ein erster Eindruck in aller Kürze und gemäß allen Klischees (Wie schon oft gesagt und geschrieben, die müssen ja irgendwoher kommen):
Der rüstige weiße US-amerikanische Rentner fährt Hybrid oder eine deutsche Limousine. Als Gründe für seine Tätigkeit gibt er Langeweile an. Der Erhalt des Lebensstandards bei drastisch reduziertem Jahreseinkommen und/oder die Schieflage des Haussegens kommen dann später erst zur Sprache. Nachdem man sich gegenseitig ein wenig beschnuppert hat, und Juliane und ich als Renegaten der First Church of Income erkannt wurden. Keiner der gutsituierten Herren möchte in seiner Wohngegend als armer Schlucker verkannt sein und aus der Limousine in einen Kleinwagen umsteigen. Da fährt er das kostenintensive Ding lieber für Uber in Grund und Boden und seine Gesundheit in Nachtschichten und beim Kofferstemmen an die Wand. Bitte, it´s the land of the free. Ähnliche Motivationen verraten afroamerikanische und spanischsprechende Familienväter. Sie sind wie die weißen Pensionisten gut gekleidet, sind gebildet, aber auf dem Armaturenbrett leuchtete in den meisten Fällen die Motorkontrollleuchte. Das nächste Service stand an, jedoch nicht auf dem Finanzplan. In der Kostenabrechnung hatten andere Posten Priorität. Ausbildung und Gesundheit der Kinder zum Beispiel. Beim einzigen Nebenerwerbsstudent, der uns zu später Stunde nachhause fuhr, leuchtete die Kontrolllampe im fabrikneuen SUV nicht. Er gab aber ohne Abschweife zu, dass sein Jeep weder fabrikneu wäre noch Reifen hätte, würde er nach seinen Vorlesungen und Lerneinheiten keine Fahrgäste durch New Haven fahren.
Der größte Anteil der Uber-Fahrer rekrutiert sich aber wie gesagt aus Einwanderern. Aus Südamerika und aus muslimischen Herkunftsländern. Unser eigener Akzent funktioniert als Eisbrecher hervorragend. In den allermeisten Fällen ergibt sich daraus sofort ein Gespräch. Frei nach dem Motto: Wo kommt ihr denn her? Ich bin aus XY… Von Österreich und Deutschland hatten bisher alle wenigstens schon einmal gehört. Juliane ist allerdings schon ein wenig davon gekränkt, dass ihre Antwort mit einem zustimmenden Grunzen quittiert wird, und nach meiner die Begeisterungskurve schlagartig steigt.
Gleich zum Jahreswechsel begegneten wir so einem recht verhaltensoriginellen jungen Mann aus Pakistan. Juliane war gleich aufgefallen, dass seine Kundenbewertung mit nur einem Stern im Vergleich zu allen anderen unter jeder Sau war. Zu Neujahr war die Auswahl nicht groß, der Heimdrang dagegen schon. Also mit bester Absicht und im guten Glauben eingestiegen. Keineswegs ungewöhnlich wollte er wissen, woher wir beide kamen, was wir so machten und wie viele Sprachen wir sprächen. Bei Juliane sind es halt doch ein paar mehr, und auch ich habe die eine oder andere lernen dürfen. Er war spürbar enttäuscht von unseren Antworten und relativierte unsere Sprachenkenntnisse im nächsten Atemzug als „international“. Und ich dachte immer, das sei der eigentliche Zweck, um Fremdsprachen zu lernen, sich international austauschen und verstehen zu lernen. Nein, jener wollte uns aufs Auge drücken, dass er acht Sprachen erlernt hatte. Das nötigte mir wiederum ehrliche Bewunderung ab. Seine Enttäuschung wurde jetzt noch größer. Weil ich keinerlei Geringschätzung für „indigene“ Sprachen erkennen ließ, und seine acht Sprachen alles Regionalsprachen des indischen Subkontinents waren. Weshalb auch. Vielsprachigkeit gehört in multiethnischen oder nomadischen Gesellschaften zum Alltag. Ich schloss, dass er einiges an eurozentrischer bzw. amerikazentrischer Verachtung für seine Herkunft zu spüren bekommen hatte und darum die mit Yale verbundenen Wissenschaftler und Studenten gerne mit der bloßen Anzahl beschämen wollte. Wobei Yale ein schlechter Ort für diese Strategie ist. Er war halt dann doch nicht die hellste Kerze auf dem Weihnachtsbaum. Als mich zu Beschämen weder auf die eine noch die andere Weise klappte, änderte er seine Taktik. Ab hier griff er meine Frau an. Nun wollte er mir weismachen, dass mein Glauben in seinen Augen eben doch nicht so gut war wie ich dachte. Als ich ihm dann in rumpelnden Arabisch meine Kenntnisse seiner Religion vortrug, war der Spaß endgültig vorbei. Meine Frau sei zwar die Professorin, aber ich der klügere und so fort. Bevor das ganze eskalieren konnte, war die Fahrt zu Ende. Mit einem freundlichen Basmala schickte ich ihn seiner Wege. Auf hoffentlich Nimmerwiedersehen.
Auf der höchst angenehmen Fahrt ins Kino zu einem leider enttäuschenden Filmerlebnis baumelte der arabische Namenszug Gottes am Innenspiegel. Das konnte ich nicht unkommentiert lassen. Zu groß war meine Neugier. Und mit diesem Mann unterhielt ich mich prächtig vom Einsteigen bis zum Aussteigen. Über Gott und die Welt, Winterreifen und die unergründlichen Geheimnisse der US-amerikanischen Schneeräumung.
Gerne bin ich mit spanischsprechenden Fahrern unterwegs. Die hören die beste Musik. Und die Augen wider den bösen Blick und die Kalligraphie sind in ihren Cockpits durch Rosenkränze und Madonnen ersetzt. Religion ist bei diesen Menschen kein Thema. Man hat die richtige, oder keine. Hemd wie Hose.
Noch lange in Erinnerung bleiben wird mir ein eher unheimlicher Argentinier. Zum einen weil er mich bzw. uns zu einem unterm Strich unerquicklichen aber bitter notwendigen Arzttermin gefahren hat, zum anderen weil auch er ein missionarisches Mitteilungsbedürfnis an den Tag legte, das mir mit der Zeit unangenehm wurde. Aber man kann seinem Fahrer schlecht den Mund verbieten, auf halbem Weg und mit Kinderstube. Zuerst berichtete er in gebrochenem Englisch und recht kurzweilig über seine Nachtschichten. Die er fahren musste, weil ein Familienbesuch bei den Großeltern in Argentinien zwei seiner Jahresgehälter verschlingt. Sein Redeschwall war zwar verstörend, aber in allem nachvollziehbar. Bis er sich in Rage redete. Er zeigte uns beim Vorbeifahren ein College, von dem er regelmäßig schmusende Mädchen abholte. Das Skandalöse daran, die Mädchen küssten und umarmten andere Mädchen. Es waren schwule Mädchen. Guten Morgen, für diese offene Politik ist Yale in den USA bekannt. Hier, anders als in Europa, gilt Yale als die Hippie-Uni unter den Ivy-League Colleges. Wie dem auch sei. Das nächtliche Schmusen der liebestollen höheren Töchter hatte irgendein Ventil gelöst. Im nächsten Atemzug beschwerte er sich über das Bruststillen. Amerikaner, ärgerte er sich, tolerierten Homosexuelle auf offener Straße, aber mit dem Stillen hatten sie ein Problem. Ich spitzte die Ohren. Er kritisierte das Richtige aber im Vergleich zum Falschen und meiner Meinung nach aus den falschen Motiven. Beim Anblick einer stillenden Mutter bricht wirklich buchstäblich Panik aus, jede Form von Gewalt darf jedoch verherrlicht und gezeigt werden. Das wäre mein Problem mit der Sache. Juliane und ich sind uns darin einig, wir hatten aber anderes im Kopf, meinen Arzttermin, und ließen unsren Fahrer weiter schwadronieren. Die Sau war jetzt ohnedies schon heraus, also randalierte sie munter im Weingarten des Herrn. Angesichts unseres Fahrziels gerieten Arzttermine und Medikamentenverschreibungen zum Inhalt seines Ärgers. Er berichtete wie lange er auf einen Termin beim Doktor zu warten habe, und dass seine schwangere Ehefrau keine Schmerzmittel bekam. Wegen ihrer ständigen Beschwerden wollte er sie am Liebsten umbringen. Das trug er völlig frei von Ironie vor. Zu seinen Gunsten interpretierte ich sein Gesagtes als missglückten Scherz bzw. als Sprach- und Übersetzungsproblem. Schon hörte ich die Veränderung im Atemrhythmus meiner Gattin. Und einmal mehr rettete das Erreichen unseres Ziels die Situation.
Bei einer anderen Fahrt freute sich dagegen ein netter Bursche aus der Republik Kongo wie toll er das US-amerikanische Gesundheitssystem fand. Im Vergleich zu dem in seinem Herkunftsland. Juliane und ich hörten seine Worte und trauten unseren Ohren nicht. Er bemerkte unsere Verwirrung und führte weiter aus: In den USA musste er hunderte und tausende Dollar bezahlen während oder nachdem er einen Doktor gesprochen hatte. In Afrika hatte er dieselben Summen aufbringen müssen, um überhaupt einen Arzt treffen zu dürfen. Der war dann manchmal gar keiner, sondern nur irgendein Typ in einem weißen Kittel. Für ihn waren die USA und ihr Gesundheitssystem eine echte Bereicherung und Verbesserung. Natürlich hätten wir ihm jetzt widersprechen können, die Vorzüge des Sozialsystems in Zentraleuropa preisen und ihm die USA madig reden können, aber damit wäre weder ihm noch uns in irgendeiner Weise geholfen worden. Warum sollten wir einem ehrlich Glücklichen die Freude vermiesen?
Juliane und ich empfinden vieles am US-amerikanischen Gesundheitssystem als Spießrutenlauf. Vor allem das ständige Gezerre wegen der Versicherung. Dabei sei klar gesagt, dass weder unser Versicherungsträger noch die Ärzte und Spitäler das Problem bilden. Die Doktoren leiten ihre Verschreibungen direkt an die zuständige Apotheke weiter. Es gibt keine Rezepte. Bis das Medikament aber endlich in meinen Händen, oder besser gesagt in meinem Mund landet, haben noch einige Würstchen ihren Senf abzugeben. Und das dauert. Jede medizinische Hilfe und Versorgung erfolgt unter Finanzierungsvorbehalt. Zum Davonrennen. Darüber könnte man sehr leicht vergessen, wie viele Schrecken, Mühen und Gefahren Menschen auf sich nehmen, um in die USA zu gelangen.
Die Diskussion über die so genannten Dreamers ist in aller Munde. Wir haben schon einige Demonstrationen und Kundgebungen zu ihren Gunsten gesehen. Und ich glaube, in einem jungen Mann mit leichtem spanischem Akzent haben wir neulich auch einen von ihnen getroffen. Auf der Fahrt unter dem riesigen Blutmond über Fair Haven erzählte er uns von seinem Vater, der die lange Reise von Ecuador in die USA zu Fuß unternommen hatte. Von seinem Marsch von Mexiko durch die Wüste nach Texas. Unter sengender Sonne, ohne Wasser und Proviant.
Last but not least trafen wir im Uber einen jungen Mann, der uns recht schnell und schnörkellos gestand, die USA nicht zu mögen. Die Menschen wären unfreundlich und abweisend zu ihm. Das widersprach meinen eigenen Erfahrungen, und ich konnte mich des Verdachts nicht erwehren, dass die Ablehnung mit seinem Herkunftsland zu tun hatte. Mein erster Eindruck von ihm war ein positiver, sein Umgang freundlich und offen. Wie üblich fragte er uns nach unserem Akzent. Und siehe da, sein Bruder lebte in Wien, und ein Cousin in Deutschland. Die Österreicher wären sehr nett, die Deutschen weniger. Diese Darstellung verblüffte mich ein wenig. Die österreichische Gastfreundschaft wird zurzeit nicht gerade gepriesen. Jedenfalls nicht in den Sozialen Netzwerken. Für den jungen Mann stand sie außer Zweifel. Die besten Pässe, sagte er, wären ein österreichischer, ein schwedischer oder ein deutscher. Seinem Bruder wurde bedingungslos geholfen, seinem Cousin widerwilliger aber doch. Er musste rund um die Uhr arbeiten, um ein Auskommen zu finden. Und Connecticut ist sehr teuer. Sobald er seine Greencard bekommt, will er in ein freundlicheres Land. Dazu brauchte er aber den US-amerikanischen Pass. Seiner war nämlich nichts wert. Was das denn für ein Pass sei, wollte ich wissen. Ich hatte inzwischen einen Verdacht, der sich prompt bestätigte: Der junge Mann war aus Afghanistan. Als ich ihn fragte, ob er Pashtun sprach, zeigte er sich erschüttert. Er hatte scheinbar noch nicht erlebt, dass jemand wusste, dass es Volk und Sprache der Pashtunen überhaupt gab. Seine Muttersprache war allerdings Dari. Wobei er auch Urdu, Pashtun und Farsi beherrschte. Nach Afghanistan zurück wollte er nie mehr.
Unter dem Eindruck all dieser verschiedenen Gespräche und dem fortgesetzten Konsum heimischer Medien traue ich mir inzwischen folgenden Schluss zu ziehen: Der größte Unterschied zwischen den USA und dem deutschsprachigen Europa in der Politik ist, dass alles, was zum Beispiel in Österreich von vielen bereits als rechts oder konservativ angesehen wird, in den USA eindeutig und zweifelsfrei links ist. Umgekehrt haben in Österreich viele, die sich links oder mittig verorten, Gedankengut verinnerlicht, das sie auch ohne Bedenken äußern und als normal empfinden, das in den USA eindeutig und zweifelsfrei als rechts erkannt wird.
Kurz zusammengefasst: Wer Ohren hat zum Hören, der kann auf Uber-Fahrten sehr viel lernen. Nämlich Demut und Dankbarkeit.


Fortsetzung folgt…

Samstag, 3. Februar 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 25)

Teil 25: Und täglich grüßt das Murmeltier


Barbar im Pelz!
Murmeltier Phil hat prophezeit, dass der Winter in Neuengland sechs weitere Wochen dauern wird. Zu Mariä Lichtmess (2.Februar) wurde er standesgemäß aus seinem Winterschlaf geweckt. Von bärtigen Herren in Frack und Zylinder. Phil entstammt einer langen und ehrwürdigen Linie pausbäckiger Phils. Der wievielte seines Namens Phil ist, weiß ich nicht. Ihre prophetische Gabe wird seit Generationen geschätzt und gewürdigt. Ihre menschlichen Bewunderer und Ernährer darum als Philister zu bezeichnen, halte ich für ungerecht. Nicht immer hatten die Phils Recht mit ihrer Vorhersage, aber wie ein chinesisches Sprichwort besagt, ist Tradition die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche. Also wer schert sich um ihre Trefferquote? Wo doch die Kunst der Verneinung und die Kraft des Glaubens dieser Tage wieder hoch angesehen sind. „Postfaktisch“ nennt das der Gebildete, „den Kopf in den Sand stecken“ der Volkstümliche.
In den ehrwürdigen Hallen der Universität Yale wurde mit Semesterbeginn der Frühling ausgerufen. Und mit der Ausgabe dieses Mottos zeigten sich sofort die ersten Frühlingsfarben. Es sind nicht die Krokusse, Himmelschlüssel und Veilchen, die ihre bunten Blütenblätter aus den Grünanlagen strecken. Es sind blau, rot und purpurn gefrorene Knie, Waden, Knöchel und Ellenbogen. Die Außenthermometer zeigen Wintertemperaturen und Minusgrade weit unter null (Celsius), aber die Herzen und die Mode verlangen nach nackten Beinen und Armen. Das Tragen von Strumpfhosen ist als altbacken verschrien, das Anziehen von Strümpfen als irgendwie unmoralisch. Erwachsene Frauen staksen in Sommerpomps und in nackten Waden durch den Schnee. Wurde ihnen jedes Kälteempfinden aberzogen? Das Verweigern der Realität auf den Thermometerskalen führt bei Studenten beiderlei Geschlechts zu Weglassen der Socken, dem Verweigern des Tragens von Winterschuhen, sogar von Winterjacken. Samstagabends herrscht eine romantische und melodische Stimmung auf den Wegen zwischen den Collegegebäuden. Das Sirren in der Luft erinnert mich an Straßenszenen in Sevilla oder in Madrid im Goldenen Zeitalter Spaniens. Kastagnetten-Klang und rhythmische Tamburin-Schläge liegen in der Luft. Es sind die Zähne und Knie der Studentinnen und Studenten. Die blutleeren Arme eng um den eigenen Leib geschlungen huschen sie von einem geheizten Gebäude zum nächsten. Bestaunt von dick angezogenen Leuten wie mir. Nachdem die Schlotternden die gesellschaftliche Elite darstellen, müssen sie über eine Wahrnehmung der Wirklichkeit verfügen, die über meine begrenzten Möglichkeiten hinausgehen.
Sobald ich in Großvaters Innenpelzmantel an der Haltestelle auf den Bus warte, strafen mich mehr und weniger jugendliche Bleichgefrorene in Leggings, Kunststoff-Blousons und Turnschuhen mit Blicken. Nicht weil sie neidisch sind, sondern moralisch überlegen. Bis jetzt hat sich noch niemand getraut, mich direkt auf meinen Mantel anzusprechen. Vollbart und geflochtener Zopf schrecken ab. Machen mich vollends zum Barbaren. Wie dem auch sei! Ich warte darauf, dass endlich eine oder einer den Mut aufbringt, mich wegen meines Wintermantels aus echt Leder und Fell zu maßregeln. Ich würde ihnen so gern erklären, dass mein Großvater diesen Mantel vor rund sechzig Jahren ehrlich erworben hat. Von einem österreichischen Meisterbetrieb, wo ihn ein Erwachsener mit Sozial- und Krankenversicherung, nach Kollektivvertrag bezahlt und in geregelten Arbeitszeiten aus Naturprodukten vom Schaf hergestellt hat. Arbeitsrechtlichen Errungenschaften, von denen bloß zu träumen in den USA als Kommunismus gilt. Und von wegen Nachhaltigkeit: Mein Schafsmantel wird noch tragbar sein, wenn ich längst das Zeitliche gesegnet haben werde und alle Weichmacher aus allen in Kinderarbeit in Billiglohnländern hergestellten Erdöljacken gesickert sind. Und falls ihn mal jemand wegwirft, wird er bis auf die Hornknöpfe restlos vermodern. Vielleicht ist es aber auch der Stock? Einen Behinderten anzumachen, kommt nicht so gut in der urteilenden Öffentlichkeit. Und ich bin noch keiner Gesellschaft begegnet, in der der bloße Anschein so sehr das reflektierte Sein auslöscht.
In der Literaturwissenschaft (virtuell und auf Papier) kursierten zum Semesterbeginn an vielen Unis Petitionen. Zu viele Titel weißer toter Männer stünden in den Pflichtliteraturlisten der Lehrveranstaltungen. Um die Empörung zu beruhigen, wurden in der Folge ein paar davon gestrichen. Dafür werden zwei drei AutorInnen z.B. aus Westafrika gelesen. Alles gut! Dass alle „niederen“ Arbeiten und „Dienstbotentätigkeiten“ auf dem Campus von AfromerikanerInnen, Spanischsprechenden oder sonstigen Immigranten erledigt werden, ist dagegen so alltäglich und allgegenwärtig, dass diese „gottgewollte“ und dollargegebene Ordnung keine Sekunde hinterfragt wird. Wir fahren alle mit einem Uber von A nach B. Wohlwissend, dass die Lenker keinerlei soziale Absicherung haben (oder anders als die Taxilenker keine Berufseignungsprüfung oder Lizenz brauchen). Über das ungute Gefühl wegen der sozialen Ungerechtigkeit soll man sich mit einem hohen Trinkgeld helfen. So viel Trinkgeld kann niemand geben, um im Ernstfall eine Krankenversicherung zu ersetzen. Aber egal! Wenn nur alle fleißig arbeiten, ist jeder seines Glückes Schmied. Wie man sich bettet, so liegt man. Fällt auf der Veranda des Nachbarhauses die Schneeschaufel um, bleibt sie so liegen, bis Jose oder DeAndre kommen und damit den frischgefallenen Schnee schippen. Auch wenn das erst im nächsten Winter ist.
Mit Mariä Lichtmess war auch Weihnachten endgültig vorbei. Juliane und ich haben unseren Christbaum entsorgt und zum Abschluss ein Konzert von Weihnachtsmusik für den Dresdner Kurfürstenhof von Heinrich Schütz besucht. Wobei „entsorgt“ ein wenig übertrieben ist. Von der Wiener MA 48 zu Mülltrennung und zur Christbaumsammelstelle erzogen versuchte ich herauszubekommen, wo wir unseren abgeschmückten Baum hinbringen sollten. Obwohl Juliane und ich uns beide bemühten, wir fanden auf unsere Frage keine Antwort. Und die trockenen Nadeln rieselten derweil auf den Parkett. Wir überlegten, beim Botanischen Garten zu fragen, ob wir unsere brave Tanne bei ihnen auf dem Kompost zur letzten Ruhe betten dürften. Jede einzelne Strähne Engelshaar hatten wir natürlich abgezupft. Dann fragte Juliane bei ihren Gastgebern am Institut nach, was in New Haven mit einem Christbaum a.D. anzustellen sei. Die Frage löste Erstaunen aus. Die Antwort war so einfach, so erschütternd und so US-amerikanisch: Nimm das Ding und lege es am Tag der Müllabfuhr zu den Mülltonnen neben die Straße! Die seligen Jose und DeAndre in ihrer Emanation als Müllmänner nehmen die Baumleiche mit.
Es sind solche Beobachtungen, die mir den Aufenthalt in den USA verleiden könnten, gäbe es nicht ebenso viele angenehme Erlebnisse und Zeitgenossen.
Indes überlege ich mir, den Genuss der heimischen Nachrichten via Internet einzustellen. Die Schlagzeilen und Berichterstattungen gefährden meine Gemütsruhe. Ebenso die Interpretation derselben in den so genannten Sozialen Netzwerken.
Kaum ist Weihnachten auch im offiziellen Kirchenfestkalender zu Ende, werde ich von Zeitungen und Radiojournalen an das Osterfest erinnert. Die österreichische Innenpolitik erinnert mich an Ostereier. Das An- und Einfärben staatlicher Einrichtungen scheint niemanden zu stören. Das Umfärben löst eine Reaktion aus. Vor allem und scheinbar nur, wenn die gewählte Farbe nicht gefällt. In den Wänden von Ministerien werden von Experten technische Einrichtungen geborgen, die je nach politischer Gesinnung entweder ein Lautsprecher oder eine Abhöranlage sind. Die technischen Expertisen der zuständigen Stellen werden in der Beurteilung nicht berücksichtigt. Besser ist es, sich in vorgefassten Mustern zu empören, als mit Fakten und Widersprüchen die Einigkeit zu stören. Wirklichkeit muss nicht bewiesen werden, sie beruft sich auf wiederholtes Zitat und Autorität. Ein solcher Wahrheitsbegriff hat einen Namen: Scholastik. Und er stammt aus dem von heutigen Möchtegern-Aufklärern so verpönten Mittelalter. Über die Argumente und Streitkultur unserer Tage hätte Thomas von Aquin herzlich gelacht. Danach wäre er in Tränen ausgebrochen.
Wer gegen Monstren kämpft, wird selbst zum Monster. So in etwa sagte Friedrich Nietzsche (mit sächsischem Akzent). Man bezichtigt ohne Zaudern oder Zögern das norwegische Nationalteam des Nationalsozialismus, weil sie in Runen „kämpfende Elche“ in ihre Pullover gestrickt tragen. Das ist ihr offizieller Spitzname! Und die altnordischen Runen ihr kulturelles Erbe! Dafür, dass sich ein paar mutmaßliche Nachkommen von Wald- und Wiesengermanen diese Schrift unrechtmäßig angeeignet haben, um auch ein bisschen Wikinger zu sein, dafür können diese Sportlerinnen und Athleten nichts. Eine ZDF-Moderatorin belehrt britische Kostümhersteller, dass es „verstörend“ sei, wenn sich Kinder im Fasching als „Evakuierte“ verkleiden. Das sind keine „Flüchtlinge“, es sind jene, die vor den Bombardements der reichsdeutschen Luftwaffe aus den englischen Städten evakuiert wurden. Es sind jene, die mit ihrem Durchhaltevermögen und ihrer Aufopferung den Sieg der Alliierten über das Dritte Reich ermöglicht haben. Kurz gesagt: In dem Kostüm geht man als Heldin und Held. Jedenfalls auf ein englisches Faschingsfest. Auch das ist kulturelle Vielfalt. Last but not least wird in einer Galerie in Manchester ein Gemälde des Malers John William Waterhouse abgehängt, weil sein Inhalt sexistisch sei. Es zeigt Nymphen, die einen Hirten verführen. Es ist die femme fatale, die emanzipierte und gefährliche weibliche Sexualität, die abgehängt wird. Nicht die Vergewaltigte, nicht die Entführte, nicht die gegen ihren Willen Verhüllte, nicht das Muttchen am Herd!
Ich kann ehrlich gesagt bald nicht mehr länger zusehen, wie der politisch Andersdenkende in der immer aggressiver werdenden Rhetorik mehr und mehr entmenschlicht wird. In der Geschichte der Zivilisationen war und ist dies der erste Schritt zur Menschenjagd.


Fortsetzung folgt…

Montag, 15. Januar 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 24)

Teil 24: Lustig ist das Migrantenleben – Eine Berg- und Talbahn!


Weihnachten und Sylvester sind vorbei, und ein neues Jahr hat angefangen. Zeit, um Bilanz zu ziehen. Ein zwangsläufiger Akt, vor dem es auch diesmal kein Entrinnen gab. Spätestens mit dem Kater am Neujahrsmorgen setzte er ein. Jedes Mal dieselbe böse Überraschung. Dabei war ich gewarnt: Wer in den Wald geht, der darf das Rauschen nicht fürchten! Während über dem Wipfel der Wind heulte, nagte am Wurzelwerk der Gewissenswurm. Das lag nicht alleine am Alkohol, es war auch der Zeitpunkt. Der Lichtmangel und die Außentemperaturen, die von milden Plusgraden über Nacht zu Minusgraden im zweistelligen Bereich hin und zurück wechselten. Auf der Celsiusskala, versteht sich. Lichterkette, Herrnhuter Stern und Christbaumbeleuchtung halfen, die Niedergeschlagenheit dieser Tage einzudämmen. Ganz zurückhalten konnten sie die Sorgenflut dennoch nicht. Land unter! Und auch hiervor war ich gewarnt. Das Auf und Ab der Gefühlswellen, die Berg- und Talfahrt als Passagier im Personenwagen der Existenz, die meine Omama noch nostalgisch kunstvoll als „himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt“ beschrieben hatte, die empfanden Migranten besonders intensiv. Moderne Gebrauchslyrik sang da weit prosaischer und inzwischen abgegriffener vom Leben als Achterbahnfahrt. Enthusiasmus, Zukunftswillen und Gestaltungswut erklommen den Gipfel des Empfindbaren, um nach einem kurzen Schwupps und Magenheber in die finsterste Talsohle der Verzweiflung, Nichtigkeit und Einsamkeit zu stürzen. Und wenn dann ein menschengemachtes und dazu mit viel Bedeutung versehenes Datum auf dem Kalender erscheint, dann glotzt der Abgrund plötzlich zurück und fragt: „Was hast Du erreicht bisher?“ Und die Nabelschau wird zum Gruselkabinett. Und das Schauerlichste darin ist das eigene verzerrte Spiegelbild.
Mein körperlicher Zustand erlaubt es mir nicht, jederzeit und immerzu wie ich das will unser Heim zu verlassen. Exilanten haben in diesem Zusammenhang schon vom lebendigen Grab geschrieben. In unserem US-amerikanischen Heim sind jedoch keine Spinnweben und Moder, sondern viel Liebe und Anteilnahme zuhause. Dennoch warte ich. Und dieses Warten wirft unangenehme Fragen auf, die es sich auch gleich selbst auf die übelste Art und Weise beantwortet: Der Migrant, egal ob sie oder er, fragt, was sie oder er bisher am neuen Ort erreicht hat? Ich frage mich, wie viele meiner Hoffnungen wurden erfüllt? Wie viele Höhen habe ich wirklich unter den Füßen gespürt? Und wenn´s wirklich finster war draußen wie drinnen, dachte ich, dass die USA für mich eine Enttäuschung geworden sind. Keine meiner Erwartungen wurden erfüllt. Kein Gipfel unter den Sohlen, kein zufriedener Blick zurück ins Land. Und mit wem redete ich überhaupt? Nur mit jenen, für die es keine andere Wahl gab. Nur mit denen, die dazu verpflichtet waren. Deren Job es war, sich um mich zu kümmern. Erschwerend zu Dunkelheit, Kälte und Krankheit hinzukommt, wenn man wie ich auf etwas wartet. Und ich warte auf eine Antwort, die meinem Tun wieder Sinn geben kann. Und Platsch machte das Fettnäpfchen!
Wenn irgendjemand meinem Tun einen Sinn geben kann, dann bin ich das selbst. Und bei diesem Gedanken erscheint er bald, der Silberstreif am Horizont. Der Moment vor dem Sonnenaufgang ist der dunkelste und kälteste der Nacht. Wintersonnenwende. Sol invictus. Weihnachten! Und während ich meinen Verstand wieder wärmend um das kalte Herz schlinge, wird mir klar, dass ich genau auf die Seife getreten bin und herumsause wie Kleopatras Löwe bei Asterix, die mir so unglaublich auf den Geist zu gehen beginnt. Die Lehren der alten Religionen wurden abgelöst von der First Church of Income. Die Frohbotschaft der Weihnachtszeit war vielerorts die abgehakte Einkaufsliste. Das einzige Thema, worüber sich weiße Männer meines Alters an den Tischen und am Tresen der Bars unterhalten, sind Dollars, wie viele „Ks of dollars“ einer im Jahr macht, und/oder was dies und das in der Anschaffung kostet. Erhaltung findet sowieso nicht statt. Konsumiere bis die Müllabfuhr kommt. Um in diesen Gewässern zu fischen, sind sie mir zu durchsichtig und zu flach. Aber hilft mir das? Im Gegenteil. Dank dieser ständigen Auspreisung menschlichen Tuns und Strebens fühle ich mich wertlos, auf den Wühltisch zu den Ladenhütern geräumt. Bald schon dräut der Abfalleimer.
Dank der Irrlichter meiner Gedanken landete ich in einem klebrigen Pfuhl, aus dem ich mich wohl oder übel am eigenen Schopf wieder rausziehen musste. Das machte mich weder zu einem Münchhausen, noch zu einem Helden, das muss jeder Migrant und Exilant andauernd schaffen. Und wenn er oder sie Glück haben, dann tritt ihnen beim Aufrappeln wenigstens keiner auf die Finger. Es ist in New Haven schon vorgekommen, dass Barkeeper die Bestellung eines Bekannten partout nicht verstehen konnten, weil er so einen grausamen Akzent hätte. Und der Mann ist Brite. Ich habe das Glück, dass mir stets die eine oder der andere unter die Arme greift und mich wieder auf die Beine stellt. Und nicht nur im übertragenen Sinn.
Weihnachten in den USA hört sich an wie daheim. Da ich ein ernstes Problem mit der christlichen US-amerikanischen Frömmigkeit habe, beziehungsweise bisher noch keine Kirchengemeinde gefunden habe, die meinen Zugang teilt, blieb meine Spiritualität heuer auf den optischen und musikalischen Anteil beschränkt. Und auf mein Empfinden. Die Mehrzahl der im öffentlichen Rundfunk gesendeten Weihnachtslieder ist deutschsprachiger Herkunft. Die Klassiker werden in Originalsprache gesungen. Die Volks- und Kunstlieder in Original und in Übersetzung. Bei den Profis kamen die Texte akzentfrei rüber, bei Laienchören brauchte es dagegen einiges an Textkenntnis, Gespür und Fantasie, um zu erkennen, um welche Stelle welcher Strophe es sich gerade handelte. Und da in Europa die britischen und amerikanischen Schlager seit Jahrzehnten fix ins alljährliche Repertoire gehören, besteht am Ende der Feiertage zumindest musikalisch und atmosphärisch kein Grund zu Heimweh oder Fremdeln. Weihnachten und Hanukkah sind hier wie da fast identisch. Sie bringen Licht in die Finsternis und Nostalgie und Freude ins Gemüt.
Ganz anders gestaltete sich indes der Jahreswechsel. Juliane und ich besuchten eine Drag- und Burlesque Show in New Haven. Das war ein großer Spaß. Wobei es auch hier zuerst einmal um Dollars ging. Keiner, lernten wir, würde jemals von einer Drag-Queen zurückgelassen. In Anspielung auf den Grundsatz des US-Militärs: „No one is left behind!“ Einmal mehr waren wir „with the people“. Die Colleges standen leer, die Uni hatte Ferien. Das heißt, Vorlesungsfreie Zeit. Oder wie man in Yale dazu sagt: Reading days. Das Cafe war bis zum letzten Stehplatz besetzt und bester Laune. Schulter an Schulter wurde getanzt und getrunken. Bei manchen entfesselten Leibern begann ich mich zu fürchten. Vor Verletzungen und seismischer Aktivität. Die Eruption zum Jahreswechsel spielte sich drinnen unter Pfeifen, Singen, Küssen und mit Musik ab. Kein Feuerwerk. Und vor allem keine Böller. Das ist ein sehr sympathischer und nervenschonender Zugang der US-Amerikaner zum Neujahrsfest. Da hat es wieder etwas Gutes, wenn ihnen ihre Dollars zu schade zum Verbrennen sind.
Nach der Feier fuhren wir wieder mit einem Uber heim. Absurderweise hatte der bestellte Fahrer bei seiner Bewertung bloß einen Stern. Die schlechteste Kundenbewertung bisher. Nach einer gelösten Feier in Gesellschaft von Drag-Queens und offenen Menschen jeder sexuellen Orientierung war es ein Weckruf in die Gegenwart, in dem jungen Uber Driver einen Pakistani kennenzulernen, der meine Frau gleich auf den ihr zustehenden Platz im Leben verweisen wollte. Nun, das erklärte immerhin die Kundenbewertungen.
Boulevardmedien täglich und ausschließlich genossen können zu Paranoia führen. Allen gemeinsam ist, dass sie zu Übertreibungen bzw. Skandalisierungen neigen. Ein beliebtes Thema dieser Tage war im deutschsprachigen Europa das „Schneechaos“ in den USA. Dergleichen hat ganz gewiss stattgefunden, an den Großen Seen, aber die sind tausende Meilen weit weg. Connecticut liegt an der Ostküste, und wir wurden „nur“ drei Tage lang vom Wind durchgebeutelt und verweht, aber von einem Chaos keine Spur. Die Wetterwarnung erreichte uns tags zuvor. Alle öffentlichen Einrichtungen, auch das Krankenhaus (bis auf die Notaufnahme) und die Uni blieben geschlossen, die Leute sollten zuhause bleiben. Abends frischte der Wind auf. Aus einer flüsternden Brise wurde innerhalb weniger Stunden ein heulender Sturm. Was uns diese Nacht mitsamt dem Holzhaus sanft in den Schlaf wiegte, das war noch nicht der Blizzard selbst, das waren seine Blizzard-ähnlichen Ausläufer. Vom Ächzen des Zimmermannswerks und dem Rütteln an den Holzrahmen der Fenster wachgeküsst, offenbarte der Blick aus dem Fenster ein hübsches, leicht in Windrichtung verwischtes neutrales Grau. Hinter dieser getrübten Firniss-Schicht zeichneten sich dunkel die Konturen der Nachbarhäuser ab. Wobei eines fehlte, es wurde sicherheitshalber schnell und gewissenhaft abgerissen. Wo vorher das nette kleine Holzhaus stand, lag jetzt ein Haufen Altholz und Bauabfälle, über die der Pulverschneemantel des Vergessens geblasen wurde. Die Straße indes war als Schipiste oder Rodelbahn gewiss vorzüglich, als Fahrbahn jedoch nicht zu empfehlen. Insbesondere, wenn man die hierzulande üblichen „All Seasons“-Reifen auf dem Auto montiert hat. Winterreifen werden großzügig im Radio beworben, das moderne Zeugs setzte sich bislang aber noch nicht durch, die Winter in Neuengland waren ja seit alters her für ihre „Milde“ bekannt. Darum blieben die Fahrstreifen heute alle leer. Nur ab und zu rutschte ein Fahrzeug in instabiler Seitenlage den Hügel vor den Fenstern hinunter. Tapfer tuckerte regelmäßig ein kleiner Schneepflug vorbei. Am Steuer saß ein hochmotivierter Afroamerikaner mit Pudelmütze und im Anorak, der mit fadem Auge seine mitgebrachten Wurstbrote verputzte. Der Asphalt war hinter ihm auch wirklich kurz zu sehen, bis das Straßengrau mit der nächsten Böe wieder faustdick unter dem Schneeweiß verschwand. Von den Außentemperaturen sei besser geschwiegen, der Blick auf die Temperaturanzeige alleine machte einen frösteln.
Während ich mich fröhlich wie auf einem Schiff fühlte, machte Juliane das Schwingen und Ächzen in den Balken und Planken unseres Hauses ein wenig zu schaffen. Diese Nacht schlief sie nicht besonders ruhig. Doch schon der nächste Morgen brachte Entspannung. Die Wetterwarnung war aufgehoben, die Bobbahn draußen präsentierte sich salznass und für den Autoverkehr freigegeben. Und über allen, den Guten wie den Bösen, strahlte wieder die Sonne. Bei lauschigen -26 Grad Celsius. Auf den ersten Blick irritierend wirkte, dass der Sturmwind alle Bäume besenrein geblasen hatte, während auf den Gehsteigen und in den Gärten meterhoch der Schnee lag. Und auch diese weiße Pracht verschwand in den nächsten Tagen völlig, als binnen weniger Stunden die Temperatur in den Plusbereich wechselte. Atmosphärisches Kneippen bis zum Exzess! Heiß- und Kaltwasserbäder. Meine rheumatischen Gelenke waren inzwischen so verstört, dass sie nicht mehr wussten, ob sie steif werden oder bloß wehtun sollten. Im Durchschnitt war dieses Wetter also ganz angenehm. Die Prognose der letzten und auch kommenden Tage wusste und weiß nicht mehr und nicht weniger vorherzusagen, als dass es Wetter gibt.
Ich schließe mich also dem Bürgermeister von Boston an, der verkünden ließ, wer bisher noch nicht an den menschengemachten Klimawandel glaubt, der möge ihn bitte in Massachusetts besuchen kommen. Und dieser Bundesstaat mit seinen spürbaren Wetterkapriolen liegt nur ein wenig nördlicher.


Fortsetzung folgt…


Montag, 1. Januar 2018

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 23)

Teil 23: Weihnachten, Boston und ein verirrter Linienbus


Noch einmal ganz herzlich: Merry Christmas and A Happy New Year! Mein Eintrag war früher geplant, aber eine renitente Ente, ein paar undichte Fenster und ein öffentliches Verkehrsmittel auf Abwegen haben dieses Vorhaben vereitelt. Ich habe ja schon einiges über die Abenteuer gehört, die man an Bord eines Greyhound-Busses erleben kann, aber jetzt wissen Juliane und ich, dass alles noch viel schlimmer kommen kann…
Manch einer sieht in den USA ein völlig anderes totalitäres Regime vor dem Horizont aufmarschieren. Juliane, in der DDR geboren und die ersten prägenden Jahre in ihr verbracht, versicherte mir jedoch, dass sie die gegenwärtigen USA an den Kommunismus bzw. an den real existierenden Sozialismus erinnern. Die Infrastruktur ist vielerorts uralt, funktioniert nicht richtig oder ist schlicht und ergreifend hin, und der Alltag klappt dank der Improvisationskunst einzelner Beherzter trotzdem. Man kann sich im Leben vieles schönreden, aber jeden Tag über Schlaglöcher in den Straßen zu hoppeln, oder beim Frühstück von draußen einen eiskalten Hauch ins Genick geblasen zu bekommen, das macht keine Freude. Ein feingliedrig segmentiertes Jugendstilfenster im Esszimmer ist eine schöne Sache. Die Freude daran schwindet mit den Außentemperaturen. Sobald sie von spätsommerlich Plusgraden über Nacht auf bis zu minus 14 Grad Celsius fallen, und der elende Holzrahmen vielfach überstrichen vor sich hin rottet, rissig ist, die Seitenteile nur mit einer einlagigen Glasscheibe verglast oder bloß mit einer von außen angeschraubte Plexiglasplatte verschlossen sind. Der Gebrauch von Silikonmasse scheint zwar bekannt, aber völlig verpönt. Was angesichts des sonstigen Kunststoffdurchsatzes dieser Gesellschaft ein kleines Wunder darstellt. Handwerk hat in den USA goldenen Boden, die Resultate hingegen… Naja, lassen wir das! Jedes Vogelhaus ist energieeffizienter isoliert, jedes Puppenhaus nachhaltiger zusammengebaut. Jedenfalls dort, wo in den USA Normalsterbliche wie wir hausen. Oder liegt es daran, dass jedermann nur eine begrenzte Zeit an einem Ort lebt, um dann zum nächsten weiterzuziehen? Ich weiß es nicht! Glücklich, wer sich in solch schwieriger Lage zu helfen weiß. Dank der frühkindlichen Erfahrungen meiner Gattin und meiner Kindheit im Waldviertel gelang es uns, die eiskalte Hand auszusperren, die allmorgendlich nach mir im Pyjama griff und gierig nach unserer Heizkostenabrechnung grapschte.Ich erinnerte mich, was mir meine geliebte Großmutter und Waldläuferin über das Wärmedämmen beigebracht hatte. Weidenflechtwerk mit Moos und Waldlehm verschmiert wäre demnach meine erste Wahl gewesen. Dieses Naturmaterial war aber nicht zur Hand. So auf die Schnelle einen Fensterpolster häkeln war auch nicht. Also her mit den Zeitungen und den Kartons der Amazon-Pakete. Die undichten Seitenfenster flink mit der Pappe zugeklebt. Licht tauschten wir gegen Wärme. Ein Deal, den all

unsere Vorfahren auf der ganzen Welt eingehen mussten. Je besser die Heizungen wurden (oder wärmer das Klima), desto größer die Fenster. Jetzt folgte der zeitaufwendige und zermürbende Teil: Vier Women´s Health, zwei Men´s Health und drei Ausgaben des Yankee Magazins mussten seitenweise daran glauben. Jede Seite habe ich zerknüllt und zwischen Plexiglas bzw. Glas und Karton gestopft. Stunden später war der Zwischenraum endlich voll, die eisigen Brisen ausgesperrt. Danach haben wir die ganze Pracht von innen mit Klebeband versiegelt. Sieht scheiße aus, aber bildet einen isolierenden Luftpolster. Von der Straße hat man den Eindruck, ein deutscher Verpackungskünstler oder ein avantgardistischer Street Art-Dadaist hätte ungefragt mit „einer Arbeit“ seine Umwelt beglückt. Mir ist´s egal, Juliane und ich erfreuen uns daran, dass die Fenster endlich dicht sind.
Diese gleichermaßen unzeitgemäßen wie unerfreulichen Instandsetzungsimprovisationen an unserem Heim hielten mich davon ab, vor unserem Ausflug nach Boston meine Eindrücke niederzuschreiben. Bei unserem Trip nach Boston handelte es sich um mein Weihnachtsgeschenk. Als mir klar wurde, wohin der Ausflug ging, grölte ich laut falsch und hingebungsvoll „I'm Shipping Up To Boston“ (Dropkick Murphys), was mehrere Schmerzmittelangebote meiner Gattin nach sich zog. Dergleichen Banausentum ignorierend freute ich mich sehr, endlich die historische Stadt (Tea Party, Battle of Bunker Hill, etc…) und die Heimat der Boston Celtics zu sehen. Seit dem Gymnasium war und bin ich Fan der Celtics. Daran konnten auch jene nichts ändern, die damals vor mehr als zwanzig Jahren – Jesus Christ! – naht- und übergangslos vom Dress Michael Jordans (Chicago Bulls) in das von Shaquille O´Neill (damals Orlando Magic) geschlüpft waren.
Die Anreise mit dem Greyhound-Bus klappte problem- und klaglos. Der Fahrer – eigentlich unnötig zu sagen, dass er Afroamerikaner war – war zu uns nett und hilfsbereit. Ein paar Mitreisende, die ihn ungebührlich drängeln wollten, stauchte er dagegen lautstark zusammen. Bei jedem noch so kurzen Aussteigen fand sich eine Zigarette in seinem Mundwinkel. Auf dem Kopf trug er eine schwarze Wollmütze, die von vielen in einer Art getragen werden, die irritierenderweise an das Reservoir eines Präservativs erinnert. Eine Ähnlichkeit, die man mit Blick auf die eigene Gesundheit besser für sich behält. Ins Auge fiel mir auch gleich der wohl schusssichere Glaskäfig, der den Passagierteil vom Fahrerbereich trennte. Eine Einrichtung, die es in Peter Pan-Bussen nicht gab, also eine Spezialität von Greyhound sein musste. Der Zustand des Busses war hingegen nicht anders als der jedes anderen Überlandlinienbusses. Berichte über den mitreisenden Bodensatz der Gesellschaft erschienen mir reichlich übertrieben, die wirklich armen Leute können sich eh kein Ticket leisten. Trotzdem war die erste Reaktion auf unseren Plan mit Greyhound zu reisen: „So you will be with the people!“ Es stimmte, im Bus reisten wir wirklich volksnah. Nachdem wir die Regionallinie benutzten, blieben wir bei jeder Milchkanne in der Landschaft stehen. Auf der Route quer durch zwei Indianerreservate lagen die beiden Casinos der Natives: das Mohigan Sun und das uns schon bekannte Foxwoods. Wen wir dort aller absetzten und einsammelten war aus soziologischer Sicht alleine die Reise wert. Junge schwarze in knallbunten Seiden-Blousons, reizende farbige Rentnerinnen und ein etwas abgerissener und keineswegs geruchsneutraler Pensionist in zwei Paar Jeanshosen. Besonders ans Herz ging uns ein erst kürzlich entlassener Ex-Sträfling, der sich mithilfe eines fünfzehn bis zwanzig Jahre alten Klapphandys um seinen Job und die Freundschaft seines Geschäftspartners quatschte. Er reparierte als Handwerker Eigenheime, bis zu diesem Telefonat, schätze ich. Der von ihm freigesetzte Redeschwall war laut Juliane, die in einem Frankfurter Gefängnis Deutschunterricht gegeben hatte, exakt derselbe, den sie auch in Deutschland von denselben Leuten gehört hatte. Wenigstens das Elend im Kapitalismus ist globalisiert. Diesen Mann sahen wir nicht wieder, den Alten in den zwei Hosen trafen wir auf der Rückfahrt wieder. Geduscht und in gewaschenen Hosen. Wir waren mit zwanzig Minuten Verspätung in New Haven losgefahren, ohne Delay erreichten wir Boston.
Mein erster Eindruck von Boston lässt sich in drei Adjektiven zusammenfassen: Elegant, sauber und sicher. Zum ersten Mal hatte ich kein ungutes Gefühl, zu Fuß und behindert durch den öffentlichen Raum zu gehen. Downtown wirkte auf mich wie das mit dem Stahlbesen durchgefegte Gotham City aus den DC-Comics. Jugendstilwolkenkratzer, Feuerleitern und dampfende Kanalgitter. Unser Hotel lag mitten in der Innenstadt, und direkt angeschlossen war ein Pub, das „Elephant and Castle“. Das barg den grandiosen Vorteil, nach Abendessen und letztem Bier in den Aufzug zu steigen und kurz darauf direkt ins Bett zu fallen. Bevor es soweit war, besuchten wir den Weihnachstmarkt bzw. die Holidays and Winter Fair. Diese US-amerikanische Variante des Christkindlmarktes war hinter dem Rathaus aufgebaut, einem dezenten Meisterwerk des architektonischen Brutalismus. An jedem anderen Ort der Welt hätte mich der Betonklotz gegruselt, hier passte er hin. Auf dem Weg zum Rathaus kamen wir an einigen der ältesten Bauwerke der USA vorbei. Dem Old State House, an dem auf dem Dachfirst bis heute noch Löwe und Einhorn des Britischen Empires zu sehen sind. Dieses zwischen den Schluchten des Bürogebirges ringsum winzig anmutende Backsteingebäude mit weißem Holzturm versinnbildlicht wie kaum ein anderes die Geschichte der USA. Von der Kolonie bis zu einer der größten und mächtigsten Demokratien der Welt. Das Gefühl der Sicherheit vertiefte sich beim Betreten des Weihnachtsmarkts mit Eislaufbahn. Hier hatten wir nicht den Eindruck, ein Armeecamp zu betreten. Ein Blick in die beleuchteten Bürofenster ringsum machte indes deutlich, dass die Mehrheit die Innenstadt mit den Pendlerzügen verlassen hatte. Die Abgänge zu den U-Bahn-Stationen waren seit 20:00 Uhr mit Rollläden verschlossen. Wir waren demnach tatsächlich „unter uns“. Die Staatsgewalt äußerte sich bloß darin, dass beim Betreten des Zeltes mit Wein- und Glühweinausschank das Alter kontrolliert wurde, und mehrere Police Officers mit strenger Amtsmiene zum Aufwärmen hereinkamen. In geselliger Runde neben dem Tresen tauten ihre Mienen wieder auf. Juliane und ich brauchten keinen Stempel auf der Hand, wir bekamen unser alkoholhaltiges Heißgetränk auch so. Frechheit! „Glühwein“ stand auf den Etiketten der Flaschen, die kamen alle aus Deutschland. Die Schachteln und Flaschen, nicht der Wein. Zu unserer Verblüffung lernten wir, dass der „deutsche Glühwein“ aus  Georgia stammte. Nicht Georgia USA, sondern Georgia, the Country. Das heißt, aus Georgien. Georgia wäre von uns schon weit weg genug gewesen, aber dass unser heißer Gewürzwein so weit gereist war, um in Boston in unseren Mägen zu landen, das schmeckte doch ein wenig bitter. Nach zwei Bechern war auch hier um 20:00 Uhr Schluss. Die Gäste durften zwar draußen weiter trinken, aber der Ausschank wurde geschlossen. Aufs Herumstehen in eisiger Kälte hatten wir keine Lust, also die Tassen geleert und auf ins Pub. Zum Trost fand Juliane einen Stand mit originalen Herrnhuter Sternen aus der Oberlausitz. Das wärmte das Gemüt, und so ein kleiner gelb-roter Stachelstern schmückt seither unser Fenster.
Der nächste Morgen präsentierte sich anders als in den Wetterprognosen sonnig und klar. Die besten Voraussetzungen, um mein eigentliches Weihnachtsgeschenk anzutreten, eine Schiffsrundfahrt zu den historischen Stätten in der Bostoner Hafenbucht. Der Weg zu den Anlegestellen war nicht weit, er führte uns wieder am Old State House vorbei. Auch an der in etwa gleichalten Faneuil Hall, der Versammlungs- und Markthalle im Zentrum, die das großzügige Geschenk eines Hugenotten an die Stadt gewesen war. Der Name war und ist demnach Französisch, ihn aber derart auszusprechen führt zu gar nichts. Außer zu Stirnrunzeln. Inzwischen finde ich es faszinierend, wie amüsiert bis indigniert einige US-Amerikaner reagieren, wenn jemand ein Wort oder einen Namen ihrer Meinung nach falsch bzw. mit Akzent ausspricht. Sie selbst haben wiederum meiner Meinung nach ein unvergleichliches Talent, jeden nicht-englischen Eigennamen oder Ausdruck bis zur Unkenntlichkeit zu verdrehen. Besonders das nur in den USA bekannte und beliebt berüchtigte TH der semitischen Sprachen hat es mir angetan. Selbst wenn Komposition und Text in Weihnachtsliedern auf diese Weise partout nicht zusammengehen, wird das englische TH trotzdem stur in z.B. Bethlehem gesungen. Aber wenn meine Frau in einer Konversation Karbon sagt, dann freut sich das Gegenüber blödsinnig über einen Car bone (Autoknochen). Whatever! Die Schiffahrt hinaus in die Bucht war wunderschön. Kurz beschlich mich gerade darum ein unangenehmes Empfinden. Weit hatte ich es gebracht, dass Juliane mich an Bord bugsiert, mich unter Deck auf einen Sessel setzt, und ich dann glücklich lächeln die vorbeiziehenden Sehenswürdigkeiten bestaune, unfähig, sie mir aus eigener Kraft anzusehen. Juliane tröstete mich, dass das das eigentliche Konzept des Tourismus darstellte und flößte mir eine heiße Schokolade ein. Der Anblick von echten Forts und Leuchttürmen aus dem sechzehnten, siebzehnten und späteren Jahrhunderten taten ihr Übriges, um mich mit der Welt und meinem Zustand zu versöhnen. Wir wuchteten mich auch über die steile Treppe nach oben auf Deck. Dort hatte ich aber Angst vom Wind erfasst und verblasen zu werden. Viel bringe ich nicht mehr auf die Waage, und die Brise war kalt und steif. Höhepunkt der Ausfahrt war für mich natürlich die U.S.S. Constitution, das älteste sich in Dienst befindliche Kriegsschiff der Welt. Die Old Ironside liegt am Fuße des Denkmals der Schlacht von Bunker Hill vertäut und ist in meinen Augen noch so schön wie an ihrem ersten Tag. In Boston legte sich auch endlich das Gefühl, geschichtsloser Gefangener in einer identitätslosen Gegenwart zu sein. Boston lag nahe bei den blauen Bergen, die von den Natives Massachusetts genannt worden waren. Und Boston war neben New York der größte Einwandererhafen. Konflikte zwischen Neuankömmlingen und den Alteingesessenen waren an der Tagesordnung. Besonders zur Zeit der Großen Hungersnot in Irland kam es zu Repressalien. Zum Glück, erzählte man uns, waren diese Zeiten vorbei, heute ist Boston eine irische Stadt. Entsprechend kauften wir mir eine Kappe und eine Wollmütze der Boston Celtics, deren legendäre Spieler und Manager in Bronze gegossen die Plätze zieren.
Wir schauten dann noch auf eine Schüssel Clam Chowder im Cheers vorbei, dann war unsere schöne Zeit in Boston auch schon wieder vorbei. Die Bürotürme Downtowns präsentierten sich als Termitenburgen, in die morgens Heerscharen emsige Arbeiterströme einzogen, sie belebten und abends wieder in die Vororte verließen. Eine gewaltige Flutwelle aus Pendlern spülte uns aus Downtown zum Bahnhof und weiter in den Busbahnhof. Von dort begann unsere Heimreise, die gut und gerne von Homer in Hexametern besungen werden konnte. Kurz gesagt: Eine schlichte Busreise wurde zur Irrfahrt, zur Odyssee. Unser Chauffeur trug dieselbe signifikante Mütze und wirkte auf den ersten Blick wie die rauchfreie, jüngere und gebügelte Variante unseres Fahrers bei der Herfahrt. Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Berufsfahrern war aber ein völlig anderer. Wir erinnern uns, der ältere hat eine Verspätung von zwanzig Minuten aufgeholt. Ich habe schon miterlebt, dass ein Fahrer der Wiener Linien, der ansonsten immer 13A gefahren war, als Aushilfslenker irrtümlich nicht in die 14A-Route eingebogen war. Einmal um den Block, und alles war wieder gut. Wirklich noch nie in meinem Leben habe ich es erlebt, dass ein Berufsfahrer überhaupt keinen Plan davon hat, wohin er seinen vollbesetzten Linienbus zu lenken hat. In Providence, der ersten Station unserer Reise, landeten wir nicht vor dem Bahnhof, sondern unter einer Brücke dahinter. Kein Ort, wo man in der Nacht sein möchte. Sein kleiner Irrtum war unserem Lenker aufgegangen, als nach zehn Minuten noch immer keiner der gebuchten Fahrgäste aufgetaucht war. Nachdem wir die Fahrgäste aus Providence erfolgreich aufgesammelt hatten, steuerte er den Wagen in eine Gegend gegen die unser Parkplatz unter der Brücke ein anheimelndes und lauschiges Plätzchen gewesen war. Wir stießen tiefer und tiefer in die Hood vor, bis endlich eine ortsansässige Mutter mit Tochter lauthals protestierte und die Navigation des Busses übernahm. Das, sagte sie, wäre ihr Teil der Stadt, und wo uns der Lenker gerade hinfuhr, dort wollten weder wir noch sie jemals sein. Dank dieser Frau erreichten wir den Highway. Jetzt stieg in unserem Pensionisten in den beiden Hosen, der wieder mit von der Partie war, die Nervosität. Der Fahrer wusste nicht, welches der beiden Kasinos sein nächstes Ziel war. Nun, es war das Foxwoods. Aber wie der Name schon sagt, das stand mitten im Wald. Und im Reservat sah es aus wie im Waldviertel im Winter. Es gab jede Menge Bäume, keine Straßenbeleuchtung und es war finster. Nach dem jahreszeitlich bedingten frühen Sonnenuntergang, wird einem an einem solchen Ort rasch klar, warum gerade jetzt ein Fest begangen und nötig wurde, bei dem viel künstliche Beleuchtung im Spiel war. Langer Rede gar kein Sinn, der Lenker fuhr dreimal an dem riesigen, hell erleuchteten Gebäudekomplex vorbei. Der Rentner in den beiden Hosen wurde renitent. Zum Glück, er wusste nämlich wo es lang ging. Die Weiterfahrt zum nächsten Kasino endete auf einem Parkplatz irgendwo im Nirgendwo. Die Stimmung im Bus knisterte. Der schwere Pickup der Tribal Police der Mashantucket Pequot war uns seit dem Foxwoods gefolgt und parkte in einiger Entfernung. Die Officers dachten vielleicht an eine Entführung. Ich dachte an die Rettung aus der Wildnis durch diese tapferen Polizisten. Es kam anders. Ein beherzter Mitreisender stand auf, marschierte vor und hielt dem Fahrer sein Smartphone mit GPS-Navigation vor die Nase. Dank dieses beherzten Eingreifens verfranzten wir uns auf der Weiterfahrt bloß noch dreimal. Wir kamen mit einer Stunde Verspätung und mitten in der Nacht in New Haven an. Ob der Bus jemals sein Ziel New York erreicht hat, wissen wir nicht. Der Mann mit dem Navi sagte, er würde beim nächsten Halt aussteigen.
Die einstündige Verspätung löste eine Kettenreaktion in mir aus. Sie war gewissermaßen der erste einer langen Reihe aus Dominosteinen. Fiel der eine um, folgten alle anderen. Ich hatte vor Weihnachten eine ganze Reihe von Arztterminen, und durch die Verzögerung und Erschöpfung verlor ich einen ganzen Vormittag. Just jenen, an dem wir ein Auto gemietet hatten, um unseren Christbaum zu besorgen. Statt dem üblichen SUV bekam ich einen Honda Civic. Der ließ sich zwar gut fahren, aber das Ein- und Aussteigen gestaltete sich, na sagen wir mal, interessant. Außerdem zog die designoriginelle „Sportvariante“ den Neid und die Aufmerksamkeit der falschen Mitbürger auf sich. Sitzt dann auch noch eine vollbusige Blondine auf dem Beifahrersitz, dann ist man sich der glühenden Blicke sicher. Und besonders reizend gestaltet sich das Wiedersehen mit so einem Zeitgenossen im Wartezimmer des gemeinsamen Podologen. Vorweihnachtliches Beisammensein. Auf der einen Seite grimmte mich einer von unter seiner Baseballcap und Kapuze an, auf der anderen rieb ein kleiner Bub fröhlich krähend die Lederbänke und Tische mir Desinfektionsmittel ein. Letzteres hielt ich für eine gute Idee, das musste schließlich auch mal gemacht werden. Nach dem Treffen mit meinem Doktor, an dessen Ende ein weiterer Umbau meiner orthopädischen Einlagen stand, ging es weiter in den Baumarkt. Dort kauften wir endlich unseren Weihnachtsbaum. Eine Fraser Tanne, die wir quer über die Rückbank in den Civic stopften. Weihnachten konnte kommen.
Noch einmal Photopherese, dann war es soweit. Ich fand mich einen Tag vor Heiligabend Aug in Aug mit einer 60 US-Dollar-Ente und einem Blaukrautkopf wieder. Das Interessante an der Zubereitung eines traditionellen Entenbratens hierzulande ist, dass es in den USA nichts gibt, dass einem dabei helfen würde. Das heißt, kein tiefgefrorenes Rotkraut, keine vorgefertigte Masse für Erdäpfel- bzw. Kartoffelknödel. Ich musste wie Anno Dunnemal alles selbst herstellen. Mein Respekt vor den Kochkünsten unserer Vorfahren wuchs mit jedem Arbeitsschritt. Nachdem ich das Krauthappel niedergerungen hatte, musste ich das Ding erst einkochen, dann dünsten. Die Vielfalt an Zutaten ist bemerkenswert. Dank sei Gott, dass der Topf nicht explodierte. Das Herstellen der Waldviertler Knödel beschäftigte mich die nächsten paar Stunden. Stets begleitet von der lieblichen Stimme meiner Gattin, die es nicht lassen wollte, meine herrlichen Knödel Thüringer Klöße zu zeihen. Und auch wenn sie hundertmal damit Recht hat, ist mein Stolz nicht gewillt, dergleichen „Beleidigungen“ einfach hinzunehmen. Koste es was es wolle! Da kann ich ja gleich das dämliche TH mitsingen. Aber egal jetzt. Als nächstes kam die Ente dran, die ich stopfte und würzte. Zusammengefasst: Ich verbrachte den gesamten 23. Dezember damit, das Essen für den Heiligen Abend am 24sten vorzubereiten. Respekt vor all unseren vorangegangenen Generationen ohne Tiefkühlgemüse und Instantnahrungsmitteln.
Gebraten habe ich die Ente dann am nächsten Tag. Drei Stunden lang. Und hätte mir Hatty nicht während meiner Behandlung erklärt, wie man den Herd richtig einstellt, hätte ich Kohle produziert. Vielen Dank!


Fortsetzung folgt…


Dienstag, 12. Dezember 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 22)

Teil 22: Einsichten eines Migrantenlebens


Was haben die zwei gemeinsam? (außer österr. Geburtsurkunden)
Beide spielten Dr. Viktor Fries aka Mr. Freeze in BATMAN!
Christmas Eve, der Heilige Abend, rückt näher. Und die Neugier treibt mich an, dieses Jahr einen Eggnog zuzubereiten. Dieses Getränk, im Prinzip handelt es sich um Eier, Milch, Cream, Zucker und Bourbon, möchte ich bzw. möchten wir integrieren. Das heißt: Diese typisch US-amerikanische Weihnachtszutat in die Menge unser eigenen Weihnachtsbräuche aufnehmen, und somit unsere eigene Weihnachtstradition im neuen Heim zu beginnen. Wie der Eggnog wird das dieses Jahr eine ziemlich wilde Mischung aus sächsischen, österreichischen und US-amerikanischen Elementen. Und diese Melange wird Juliane und mich ziemlich gut wiederspiegeln. Ich hege ja noch Bedenken, den guten Bourbon mit Milch und Zucker zu verunreinigen, aber diese Hürde werde ich überspringen.
Essen und Trinken waren nicht die einzigen, jedoch die ersten Hürden beim Versuch in unser Leben in den USA zu starten. Der größte Brocken waren meine medizinischen Behandlungen und die Sprache. An meinem Akzent, den ich wohl niemals ganz verliere (siehe Arnold Schwarzenegger oder Otto Preminger), bemerkt natürlich jeder als erstes, dass ich aus Übersee bin. Die USA waren und sind nicht der einzige Ort auf der Welt, wo dieser Unterschied ins Auge fällt bzw. ins Ohr geht. Meine Sprache ist ein besonderes Merkmal. Es gibt weltweit nur eine einzige Stadt auf der Welt, wo man so spricht wie ich. Das machte mich bisher froh und auch ein wenig stolz. Damit mussten sich außerdem schon viele abfinden. Millionen Menschen teilen diese Erfahrung an verschiedenen Plätzen und in unterschiedlichen Zungen. Dadurch hat sich mein ganzer Zugang zum Thema Fremdsein an einem Ort bzw. in einer Gemeinschaft verändert. Nirgends war und bin ich so sehr Wiener oder Österreicher wie im fremdsprachigen Ausland. Wozu ich jetzt augenzwinkernd auch Deutschland zähle. Auch hier in New Haven ist es so, dass, wo ich auftauche und den Mund aufmache, die Gesprächsthemen schnell zu Wien, Österreich oder deutschsprachige Exilanten wechseln. Inzwischen macht mich das sogar ein wenig ärgerlich, weil ich nicht den Atlantik überquert habe, um ständig über meine eigenen Themen zu reden. Ich wollte ja etwas Neues kennenlernen. Ich bemühte mich schnell, mich wie Amerikaner anzuziehen, ihre Umgangsformen zu übernehmen und nicht schon auf den ersten, aber auf den zweiten meine angeborene Andersartigkeit zu enthüllen. Umso mehr habe ich mich gefreut, als Hatty, „meine“ Nurse bei der Photopherese, mir gesagt hatte, ich sehe jedes Mal mehr wie ein „echter Amerikaner“ aus. Über meinen Akzent haben wir dann beide gelacht, und ich fand das auch gut so. Selbst wenn es nicht ganz ehrlich gemeint war, und sie mir nur eine Freude damit machen wollte, es hat gewirkt, ich fühlte mich gut. Und so und nicht anders funktioniert die US-amerikanische Höflichkeit.
Natürlich gibt es nach wie vor unglaublich viele Widersprüche und Ungereimtheiten, und mit jedem Tag werden sie mehr. Es ändert sich nur langsam die Richtung aus der sie kommen, der Wind hat sich gedreht.
Um einen echten Eggnog herzustellen, braucht man Eier. Frische Eier dürfen in den USA nur gekühlt verkauft werden. Wie komisch ist das denn? Um Eier auf den Tisch zu bekommen, braucht es doch keine ununterbrochene Kühlkette. In Europa stehen die Paletten in den Supermärkten meistens ungekühlt herum. Jedenfalls bei den Diskontern. Auf Nachfrage erfuhr ich dann, dass Eier in den USA gewaschen werden müssen, bevor sie die Hühnerfarmen verlassen. Das beschädigt die Eischale und macht Eigelb und Eiweiß darin leichter verderblich. Und plötzlich machte alles Sinn.
Nach acht Monaten Aufenthalt habe ich aufgehört zu vergleichen. Alles ist relativ, und ich lebe hier in einem völlig anderen System. Hier herrschen andere Regeln, die muss ich erlernen. Das leuchtet mir ein. Das bedeutet aber nicht gleichzeitig, dass ich die Gesetzmäßigkeiten meines Ursprungsraums vergesse. Ja, ich kann sie ablehnen und verdrängen. Aber das macht, glaube ich, niemanden glücklich. Eine Pflanze, der ein Maulwurf die Wurzeln abnagt, vertrocknet, verhungert und stirbt. Ich hatte gedacht, mich gut arrangiert zu haben. Bis mir ein harscher Gegenwind den Wind aus den Segeln nahm. Ich verlor für einen Moment meinen Kurs aus den Augen, und ich wusste nicht mehr, wer und wo ich war. Ich war und bin beileibe kein Einzelfall. Diese Erfahrungen machten und machen früher oder später alle Migranten. Das wusste ich. Was mich überraschte, waren Zeitpunkt und Ursprung.
Ich gab mich bisher keinen Illusionen hin, in den USA bin ich der Tschusch. Mein schlechtes Gewissen, dass wir US-Amerikanern die Jobs wegnehmen, hält sich indes in Grenzen. Wer sollte besser qualifiziert sein, US-amerikanischen StudentInnen deutsche Literatur auf Deutsch beizubringen als eine Muttersprachlerin und promovierte Literaturwissenschaftlerin? Oder welcher der üblichen Verdächtigen möchte sich schon freiwillig meiner gesundheitlichen und beruflichen Unsicherheit aussetzen? Diese Überlegungen waren mein sicherer Hafen, mein trockenes Pulver in der Kammer für den Fall der Fälle. Man weiß ja nie, wem man so aller begegnet. Tatsächlich wurden wir kein einziges Mal mit derartiger Munition angegriffen. Gelegentlich blitzt ein wenig Genervtheit hervor, wenn mir ein Wort nicht gleich einfällt, ich nicht sofort verstehe, oder etwas länger über eine Antwort nachdenke. Das war alles. Vonseiten meiner Gastgeber. Maschallah!
Dank der modernen Medien halte ich den Kontakt nachhause. Zu meiner Familie, zu meinen FreundInnen. Postings in den sozialen Medien verstand ich bisher als Einladung, über den geteilten Inhalt nachzudenken. Anders gesagt: Als Aufforderung, verschiedene Aspekte, Ansichten und Deutungen auszutauschen. Von einer dieser Möglichkeiten wurde ich jetzt ausgeschlossen. Auf Facebook reicht dazu ein Mausklick.
Ich lebe nicht in Wien, hieß es plötzlich, daher weiß ich nicht „wie es bei uns“ zugeht. Dieses „bei uns“ aus der Tastatur meines Gegenübers in Übersee war für mich ein Schlag ins Gesicht. Wie schnell und leichtfertig wurde da eine Wir-Gruppe eingegrenzt. Und wie rasch war ich daraus ausgegrenzt. Schon nach acht Monaten Auslandsaufenthalt hatte mir jemand das Recht abgesprochen, meine Meinung und Überlegungen zu Zuständen und Vorgängen in Österreich zu äußern. Zu den Verhältnissen in meinem Geburtsland. Meiner Heimat, in der ich nach wie vor meine Sozialversicherungsbeiträge und Steuern entrichte. Ich war wütend und gekränkt. Ich brauchte Zeit, um zu rationalisieren. Die Gemüter hatten sich zu nächtlicher Stunde erhitzt. Kann geschehen. Das nehme ich niemanden übel. Aber inzwischen spüre ich Ärger in mir hochkochen, wenn sich jemand, der nie hier gelebt hat, abfällig über die USA äußert. Das trifft es aber nicht ganz. Wenn ich in dieser Gemütslage so etwas schreibe wie: „Der Einzige in den USA, der eine brachiale Lösung gesucht hat, war der, der sich heute Morgen in New York im Busbahnhof in die Luft gesprengt hat“, dann denke ich dabei weder an Präsident Trump, noch an die Bush-Familie, noch an irgendwelche rassistisch-motivierten Amokschützen. Dabei denke ich an die Krankenschwestern im Yale New Haven Hospital, an den netten Busfahrer, der möglichst nahe an den Randstein heranfährt, dass ich gut einsteigen kann, an die Kassiererin, die uns die Quarters für die Waschmaschine rausgibt und ja, auch an die Polizisten, Soldatinnen und Nationalgardisten, die mich beschützen. Kurz: Ich denke an die US-Amerikaner, mit denen ich lebe! In einem von den Demokraten regierten Bundesstaat. Trump, die Bushes und wer noch immer, die interessieren mich dann nicht. Das sind Fratzen aus den Medien. Die Menschen, mit denen ich hier lebe, haben Gesichter. Liebenswerte Gesichter.
Jetzt wurde ich von einem Teil meiner Verwandtschaftsgruppe buchstäblich ausgeschlossen. Ich wurde blockiert, zum Schweigen gebracht. Dazu reicht ein Mausklick. An den Umgang mit Mitmenschen als Wegwerfbekanntschaften werde ich mich nie gewöhnen. Aber egal. In der Rückschau an dieses Ereignis faszinieren mich am meisten die Widersprüche: Ich darf mich nicht mehr zu Wien äußern, weil ich nach acht Monaten nicht mehr weiß, wie es „bei uns“ zugeht. Für die Person, die mir das entgegnete, gelten aber andere Maßstäbe (noch nicht einmal ihre eigenen). Die weiß nämlich genau über die USA und die Amerikaner Bescheid, ohne einen einzigen Tag wirklich in dem riesigen Staatenbund gelebt zu haben. Gelebt, das heißt: nicht als Tourist oder auf Dienstreise.
Ich bin, wie gesagt, kein Einzelfall. In meiner anfänglichen Kränkung hatte ich mich dazu verstiegen, hochgegriffene Parallelen zu ziehen: Paul Lendvai durfte und soll sich nicht mehr über Ungarn äußern. Thomas Mann sollte damals auch besser über den Krieg und das Regime schweigen, weil er als Exilant nicht dabei gewesen war. Christoph Waltz soll über Wahlausgang und Regierungsbildung die Schnauze halten. Et cetera. Und im selben Atemzug fielen mir noch viel mehr Autorinnen und Journalisten ein, denen nahegelegt wurde und/oder wird, über die Zustände in ihrem Herkunftsland den Mund zu halten. Weil ihre Ansichten und Denkanstöße nicht mit geltenden Dogmen und unhinterfragten Ideologien konform gingen und/oder gehen. Aber wie gesagt, das ist in meinem Fall viel zu hoch gegriffen. Ich bin im Vergleich zu diesen Dissidenten nur ein kleines Licht. Auch wenn dies schon der Boden ist, auf dem derartige Frucht keimt, ich bin einem Einzelfall begegnet, die/der sich über etwas aufregen wollte, nicht über etwas nachdenken. Österreich kann das besser. Das weiß ich. Und viele nette Menschen beweisen es.
Wer jetzt aber denkt, dieser Einzelfall wäre bloß ein weiterer aus der langen und fortgesetzten Reihe jener Einzelfälle und Lausbubenstreiche, die unter anderem die Wahlkarten abschaffen wollen, und damit das demokratische Mitbestimmungsrecht von Auslandsösterreichern, der könnte irrer nicht gehen.
Und darum frage ich mich zum ersten Mal, in den Händen welcher Wir-Gruppen ich mein Ursprungsland zurückgelassen habe? What´s wrong with you people?
Bitte, lasst mich mein Wien wiedererkennen wenn ich wiederkomme! Ich glaube an euch, ihr schafft das!

Fortsetzung folgt…

Quellen der Fotos:
Otto Preminger:
Von Allan warren - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9892395
Arnold Schwarzenegger:

Von Koch / MSC, CC BY 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38272407

Samstag, 9. Dezember 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 21)

Teil 21: Es schneit!


Frohen und gesegneten Advent!
Es schneit und schneit und schneit. Und wie es aussieht, nimmt das sobald kein Ende. White Christmas steht vor der Tür. Vorgestern sind die in den Boden gesteckten neonfarbigen Rundhölzer am Straßenrand aufgetaucht, der Himmel sah nach Schnee aus, und als im Waldviertel aufgezogener Mensch habe ich mir gedacht: „Oha! Schneewehen im Kommen!“ Gestern wurde dann dieselbe Wetterwarnung wie vor dem letzten Regensturm bekannt gegeben, und damit war klar, der Winter Neuenglands wird uns dieses Wochenende erstmals sein kaltes und eisiges Hinterteil zeigen. Zuletzt hatten wir bei Temperaturen um die 10° Celsius und prächtigem Sonnenschein gescherzt, ob wir überhaupt jemals wieder Schneefall in Connecticut erleben würden. Allen allerhöchsten Dementis eines Klimawandels zum Trotz. Heute schaut die Welt schon wieder anders aus: Wenn nur die Hälfte der zuletzt erlebten Regenmassen als Schnee vom Himmel fällt, dann sind wir Sonntagabend futsch, im Schnee begraben. Und wirklich nach nur wenigen Stunden, sieht es bei uns aus wie im Winter Wunderland. Ich bin überrascht, wie gut die Holzhäuser, die Wände aus Latten und Papier, den geänderten Wetterbedingungen trotzen. Die Heizung läuft zwar rund um die Uhr, und Tauwasser plätschert munter von der Dachtraufe, aber Energiefragen wie etwa -kosten oder -effizient sind ohnedies kein Thema. Dicke Schneeflocken fallen dicht vom silbergrauen Himmel. Und die Pracht blieb auch tatsächlich liegen. Eine weiße Decke breitete sich freundlich über kahle Bäume und braungescheckte Wiesen. Deutlich sieht man Tierspuren im Weiß. Jetzt trauen sich auch diejenigen ans Tageslicht, die sonst nur in der Nacht oder zur Dämmerung unterwegs gewesen waren. Endlich habe ich meinen ersten lebendigen US-amerikanischen Waschbären erblickt. Das Verkehrsopfer neben dem Highway zählte ich nicht, mich machen nur lebendige Sichtungen froh.
Neben den Eingangstüren und auf den Veranden stehen schon länger Schneeschaufeln bereit. Inzwischen tauchte bei mir der Gedanke auf, wer diese wohl benutzen wird? Oder wer das Stiegenhaus aufwaschen wird, nachdem wir Mieter alle mit unseren matschigen Schuhen die Holztreppen rauf und runter gelaufen sein werden? Die Antwort, basierend auf unseren bisherigen Erfahrungen, gefällt mir nicht. Wenn es nicht Juliane tun wird, wird es keiner machen! Und das schmeckt mir gar nicht. Sollte es wirklich nicht anders gehen, sich keiner der kräftigen jungen Herren bequemen, die Schaufel oder den Wischmopp zu schwingen, werde ich mir eben die Schneeschaufel unter den Arm klemmen und so schippen. Ich bin ja auch der Erste, der gegebenenfalls auf den Brettern der Frontveranda ausrutscht. Aber ich hoffe, das wird nicht nötig werden. Ich rechne damit, dass unsere Vermieter, jemanden vorbeischicken werden. Dieser Wesenszug mancher junger US-Amerikaner, dass wenn es nicht die Mutti macht, oder der freundliche Schwarze oder Latino mit dem Truck, macht es keiner, den finde ich – freundlich ausgedrückt – sehr bedenklich. Zum Beispiel hat der Wind eine Isomatte in den Rasen des Nachbargrundstückes geweht. Woher das Ding kam, wissen die Götter. In einem Anfall von Geschäftigkeit hat ein Nachbar eigenhändig die Isomatte neben die Mülltonnen gestellt. Aber wie glaube ich alle Müllabfuhren dieser Welt, nehmen die professionellen Abfallentsorger nichts mit, dass nicht ordnungsgemäß entsorgt worden ist. Das müssten die behüteten Küken aber erlebt haben, oder wenigstens einmal erzählt bekommen haben. Fakt ist, das Ding liegt immer noch herum, nach zwei Wochen. Jetzt allerdings im Vorgarten drei Häuser weiter.
Zu beobachten gibt es diesbezüglich genug. Auch in unserer Nachbarschaft. Fährt der städtische Müllwagen in eine Wohnstraße ein, wird er wie ein großer Meeressäuger im Ozean von kleineren Fischen umschwärmt und begleitet. Diese Trabanten profitieren von seinem Auftauchen und verwerten seine Nebenprodukte. So treibt jeder Coloniawagen eine Schar Müllsammler vor sich her. In gewissen Respektabstand zu dem großen LKW und seiner afroamerikanischen Besatzung parken zernutzte PKWs am Straßenrand, den Beifahrersitz, die Rückbänke und die Kofferräume voll mit prallen schwarzen Müllsäcken. Die größtenteils farbigen Lenkerinnen und Fahrer dieser Autos eilen flink zwischen den auf dem Gehsteig zur Abholung bereit gestellten Mülltonnen hin und her und sortieren die Wertstoffe heraus. Das heißt, die Glasflaschen, Aludosen und anderes, das bei Recyclingmaschinen, Mistsammelplätzen oder im Wertstoffhof zu Geld gemacht werden kann. Und das ist eine ganze Menge. Außer aus Fernsehberichten aus den Neunzehnhundertfünfzigerjahren kannte ich das Geschäft eines in Wien so genannten Reifenschusters nicht, hier gibt es sie noch (oder wieder?) die Gebrauchtreifenhändler.
Off topic: Schnee!
Außer den Menschen, die sich um zu überleben auf die Nische des Wertstoffsammelns spezialisiert haben, schert sich scheinbar niemand um Recycling. Juliane und ich hatten, wie wir es von daheim gewohnt sind, alle Glasflaschen und Getränkedosen separat gesammelt. Unsere prallen Säcke wollten wir bei der Pfandrückgabestelle eines Supermarktes leeren. Wir kamen mit einem Kofferraum voll damit auf dem Parkplatz an und wurden gleich seltsam beäugt. Der Raum mit dem Pfandrückgabegerät stank bestialisch. Die Maschine wurde offenbar nie gereinigt, nicht einmal mit einem Schlauch abgespritzt. Der einzige Zeitgenosse, der sich ebenfalls in den von Gärungsgasen stickigen Raum verirrt hatte, war ein schwarzer Obdachloser. Der Mann roch selbst streng, aber zeigte sich ausgesucht höflich und hilfsbereit. Das Gerät war natürlich voll, kein Angestellter fühlte sich zuständig, das Ding zu warten und/oder auszuleeren. Immerhin kannte der nette Obdachlose alle Tricks und Kniffe, das technische Gerät zur Zusammenarbeit zu nötigen. Trotzdem, mit unseren Säcken hätten wir den halben oder sogar ganzen Tag damit verbracht, unser Leergut zurückzugeben. Also fragte Juliane den Obdachlosen, ob sie ihm unsere Flaschen und Getränkedosen schenken durfte. Der Mann hatte schließlich auch seinen Stolz, dem man, wie es sich hierzulande gehört, mit Respekt zu begegnen hatte. Er hat sich sehr gefreut. Ich schätze mal, dass er nach einem Tag Arbeit rund fünf bis zehn Dollar mit unserem Abfall verdient haben wird. Das nächste Mal werden wir unsere Säcke gleich einer oder einem der Müllsammler aus dem Tross der Müllabfuhr anvertrauen und uns den Weg zum Supermarkt ersparen. Auf Recycling legt man hier scheinbar keinen Wert. Oder man rechnet es den Obdachlosen und Armen zu. Ein Blick auch in die mitteleuropäische Zukunft? Flaschensammeln dient mancherorts ja bereits als Renten- bzw. Pensionsaufbesserung.
Dafür gleich danach das Kontrastmittel. Ich lenkte den gemieteten SUV vom Supermarktparkplatz auf die zugehörige Tankstelle. Natürlich vollautomatisiert und von den Bildschirmen an den Zapfsäulen brüllte mich Werbung für billige Kredite an. Tanken ist bei der Miete für ein ZIP-Car enthalten, funktioniert via Chipkarte und Code. Aus Gewohnheit habe ich mitgeschaut, wie viel Benzin in den Tank floss, und wie viel er gekostet hat. Große Freude, der Sprit erwies sich als extrem billig. Anders könnte man sich die US-amerikanischen Motoren mit Hubräumen zwischen drei und vier Litern nicht leisten. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, ich „bezahlte“ ja gar nicht per Liter. Ich bezahlte nach Gallonen! Das bedeutete eine US-amerikanische Flüssiggallone entsprach rund 3,8 Litern! Ich zahlte für fast vier Liter Benzin weniger als für einen Liter in Österreich. In etwa bloß ein Viertel. Da wunderte es mich auch nicht mehr, das unsere Heizung bei Kälte ununterbrochen heiß bleiben konnte. Alles in allem lösten sich dadurch alle meine Fragen zu US-amerikanischer Umweltpolitik in Rauch auf.
Buchten wir uns in New Haven einen Uber, konnte ich beobachten, dass ausnahmslos alle Autos zwar Gebrauchtwagen, aber aus dem Hochpreissegment waren. Entweder deutsche Limousinen oder SUVs. Und wirklich bei allen leuchtete das Motorblock-Alarmzeichen auf dem Armaturenbrett. Mit einer einzigen Ausnahme, einem neuen Jeep-Wrangler, der einem Studenten gehörte, der als Uber-Fahrer arbeitete, um seine Raten für den Wagen abzubezahlen. Bisher war dieser nette junge Mann der einzige Student, der neben seinem Studium gearbeitet hat. Aus all dem schließe ich, dass die meisten der hiesigen Uber-Fahrer mit den Fahrtendiensten ihre Autokaufraten abbezahlen und sich den Weg zum Service in die Werkstatt trotzdem nicht leisten können. Um sein Gewissen zu beruhigen, weil man überhaupt einen Uber bucht, raten jetzt einige, man solle einfach nach jeder Fahrt mehr Trinkgeld geben. Das ist zwar gutgemeint, aber selbst alle Trinkgelder zusammen können keine Kranken- und Sozialversicherung ersetzen. Ich weiß, wovon ich rede. Bei der Lektüre meiner monatlichen Krankenhausabrechnung wird mir jedes Mal schwarz vor Augen. Und mein Konto sieht Rot. Somit schließt sich der Kreis zum Flaschensammeln…


Fortsetzung folgt…

Mehr Schnee!