Bisher erschienen:

Bisher erschienen:

Dienstag, 12. Dezember 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 22)

Teil 22: Einsichten eines Migrantenlebens


Was haben die zwei gemeinsam? (außer österr. Geburtsurkunden)
Beide spielten Dr. Viktor Fries aka Mr. Freeze in BATMAN!
Christmas Eve, der Heilige Abend, rückt näher. Und die Neugier treibt mich an, dieses Jahr einen Eggnog zuzubereiten. Dieses Getränk, im Prinzip handelt es sich um Eier, Milch, Cream, Zucker und Bourbon, möchte ich bzw. möchten wir integrieren. Das heißt: Diese typisch US-amerikanische Weihnachtszutat in die Menge unser eigenen Weihnachtsbräuche aufnehmen, und somit unsere eigene Weihnachtstradition im neuen Heim zu beginnen. Wie der Eggnog wird das dieses Jahr eine ziemlich wilde Mischung aus sächsischen, österreichischen und US-amerikanischen Elementen. Und diese Melange wird Juliane und mich ziemlich gut wiederspiegeln. Ich hege ja noch Bedenken, den guten Bourbon mit Milch und Zucker zu verunreinigen, aber diese Hürde werde ich überspringen.
Essen und Trinken waren nicht die einzigen, jedoch die ersten Hürden beim Versuch in unser Leben in den USA zu starten. Der größte Brocken waren meine medizinischen Behandlungen und die Sprache. An meinem Akzent, den ich wohl niemals ganz verliere (siehe Arnold Schwarzenegger oder Otto Preminger), bemerkt natürlich jeder als erstes, dass ich aus Übersee bin. Die USA waren und sind nicht der einzige Ort auf der Welt, wo dieser Unterschied ins Auge fällt bzw. ins Ohr geht. Meine Sprache ist ein besonderes Merkmal. Es gibt weltweit nur eine einzige Stadt auf der Welt, wo man so spricht wie ich. Das machte mich bisher froh und auch ein wenig stolz. Damit mussten sich außerdem schon viele abfinden. Millionen Menschen teilen diese Erfahrung an verschiedenen Plätzen und in unterschiedlichen Zungen. Dadurch hat sich mein ganzer Zugang zum Thema Fremdsein an einem Ort bzw. in einer Gemeinschaft verändert. Nirgends war und bin ich so sehr Wiener oder Österreicher wie im fremdsprachigen Ausland. Wozu ich jetzt augenzwinkernd auch Deutschland zähle. Auch hier in New Haven ist es so, dass, wo ich auftauche und den Mund aufmache, die Gesprächsthemen schnell zu Wien, Österreich oder deutschsprachige Exilanten wechseln. Inzwischen macht mich das sogar ein wenig ärgerlich, weil ich nicht den Atlantik überquert habe, um ständig über meine eigenen Themen zu reden. Ich wollte ja etwas Neues kennenlernen. Ich bemühte mich schnell, mich wie Amerikaner anzuziehen, ihre Umgangsformen zu übernehmen und nicht schon auf den ersten, aber auf den zweiten meine angeborene Andersartigkeit zu enthüllen. Umso mehr habe ich mich gefreut, als Hatty, „meine“ Nurse bei der Photopherese, mir gesagt hatte, ich sehe jedes Mal mehr wie ein „echter Amerikaner“ aus. Über meinen Akzent haben wir dann beide gelacht, und ich fand das auch gut so. Selbst wenn es nicht ganz ehrlich gemeint war, und sie mir nur eine Freude damit machen wollte, es hat gewirkt, ich fühlte mich gut. Und so und nicht anders funktioniert die US-amerikanische Höflichkeit.
Natürlich gibt es nach wie vor unglaublich viele Widersprüche und Ungereimtheiten, und mit jedem Tag werden sie mehr. Es ändert sich nur langsam die Richtung aus der sie kommen, der Wind hat sich gedreht.
Um einen echten Eggnog herzustellen, braucht man Eier. Frische Eier dürfen in den USA nur gekühlt verkauft werden. Wie komisch ist das denn? Um Eier auf den Tisch zu bekommen, braucht es doch keine ununterbrochene Kühlkette. In Europa stehen die Paletten in den Supermärkten meistens ungekühlt herum. Jedenfalls bei den Diskontern. Auf Nachfrage erfuhr ich dann, dass Eier in den USA gewaschen werden müssen, bevor sie die Hühnerfarmen verlassen. Das beschädigt die Eischale und macht Eigelb und Eiweiß darin leichter verderblich. Und plötzlich machte alles Sinn.
Nach acht Monaten Aufenthalt habe ich aufgehört zu vergleichen. Alles ist relativ, und ich lebe hier in einem völlig anderen System. Hier herrschen andere Regeln, die muss ich erlernen. Das leuchtet mir ein. Das bedeutet aber nicht gleichzeitig, dass ich die Gesetzmäßigkeiten meines Ursprungsraums vergesse. Ja, ich kann sie ablehnen und verdrängen. Aber das macht, glaube ich, niemanden glücklich. Eine Pflanze, der ein Maulwurf die Wurzeln abnagt, vertrocknet, verhungert und stirbt. Ich hatte gedacht, mich gut arrangiert zu haben. Bis mir ein harscher Gegenwind den Wind aus den Segeln nahm. Ich verlor für einen Moment meinen Kurs aus den Augen, und ich wusste nicht mehr, wer und wo ich war. Ich war und bin beileibe kein Einzelfall. Diese Erfahrungen machten und machen früher oder später alle Migranten. Das wusste ich. Was mich überraschte, waren Zeitpunkt und Ursprung.
Ich gab mich bisher keinen Illusionen hin, in den USA bin ich der Tschusch. Mein schlechtes Gewissen, dass wir US-Amerikanern die Jobs wegnehmen, hält sich indes in Grenzen. Wer sollte besser qualifiziert sein, US-amerikanischen StudentInnen deutsche Literatur auf Deutsch beizubringen als eine Muttersprachlerin und promovierte Literaturwissenschaftlerin? Oder welcher der üblichen Verdächtigen möchte sich schon freiwillig meiner gesundheitlichen und beruflichen Unsicherheit aussetzen? Diese Überlegungen waren mein sicherer Hafen, mein trockenes Pulver in der Kammer für den Fall der Fälle. Man weiß ja nie, wem man so aller begegnet. Tatsächlich wurden wir kein einziges Mal mit derartiger Munition angegriffen. Gelegentlich blitzt ein wenig Genervtheit hervor, wenn mir ein Wort nicht gleich einfällt, ich nicht sofort verstehe, oder etwas länger über eine Antwort nachdenke. Das war alles. Vonseiten meiner Gastgeber. Maschallah!
Dank der modernen Medien halte ich den Kontakt nachhause. Zu meiner Familie, zu meinen FreundInnen. Postings in den sozialen Medien verstand ich bisher als Einladung, über den geteilten Inhalt nachzudenken. Anders gesagt: Als Aufforderung, verschiedene Aspekte, Ansichten und Deutungen auszutauschen. Von einer dieser Möglichkeiten wurde ich jetzt ausgeschlossen. Auf Facebook reicht dazu ein Mausklick.
Ich lebe nicht in Wien, hieß es plötzlich, daher weiß ich nicht „wie es bei uns“ zugeht. Dieses „bei uns“ aus der Tastatur meines Gegenübers in Übersee war für mich ein Schlag ins Gesicht. Wie schnell und leichtfertig wurde da eine Wir-Gruppe eingegrenzt. Und wie rasch war ich daraus ausgegrenzt. Schon nach acht Monaten Auslandsaufenthalt hatte mir jemand das Recht abgesprochen, meine Meinung und Überlegungen zu Zuständen und Vorgängen in Österreich zu äußern. Zu den Verhältnissen in meinem Geburtsland. Meiner Heimat, in der ich nach wie vor meine Sozialversicherungsbeiträge und Steuern entrichte. Ich war wütend und gekränkt. Ich brauchte Zeit, um zu rationalisieren. Die Gemüter hatten sich zu nächtlicher Stunde erhitzt. Kann geschehen. Das nehme ich niemanden übel. Aber inzwischen spüre ich Ärger in mir hochkochen, wenn sich jemand, der nie hier gelebt hat, abfällig über die USA äußert. Das trifft es aber nicht ganz. Wenn ich in dieser Gemütslage so etwas schreibe wie: „Der Einzige in den USA, der eine brachiale Lösung gesucht hat, war der, der sich heute Morgen in New York im Busbahnhof in die Luft gesprengt hat“, dann denke ich dabei weder an Präsident Trump, noch an die Bush-Familie, noch an irgendwelche rassistisch-motivierten Amokschützen. Dabei denke ich an die Krankenschwestern im Yale New Haven Hospital, an den netten Busfahrer, der möglichst nahe an den Randstein heranfährt, dass ich gut einsteigen kann, an die Kassiererin, die uns die Quarters für die Waschmaschine rausgibt und ja, auch an die Polizisten, Soldatinnen und Nationalgardisten, die mich beschützen. Kurz: Ich denke an die US-Amerikaner, mit denen ich lebe! In einem von den Demokraten regierten Bundesstaat. Trump, die Bushes und wer noch immer, die interessieren mich dann nicht. Das sind Fratzen aus den Medien. Die Menschen, mit denen ich hier lebe, haben Gesichter. Liebenswerte Gesichter.
Jetzt wurde ich von einem Teil meiner Verwandtschaftsgruppe buchstäblich ausgeschlossen. Ich wurde blockiert, zum Schweigen gebracht. Dazu reicht ein Mausklick. An den Umgang mit Mitmenschen als Wegwerfbekanntschaften werde ich mich nie gewöhnen. Aber egal. In der Rückschau an dieses Ereignis faszinieren mich am meisten die Widersprüche: Ich darf mich nicht mehr zu Wien äußern, weil ich nach acht Monaten nicht mehr weiß, wie es „bei uns“ zugeht. Für die Person, die mir das entgegnete, gelten aber andere Maßstäbe (noch nicht einmal ihre eigenen). Die weiß nämlich genau über die USA und die Amerikaner Bescheid, ohne einen einzigen Tag wirklich in dem riesigen Staatenbund gelebt zu haben. Gelebt, das heißt: nicht als Tourist oder auf Dienstreise.
Ich bin, wie gesagt, kein Einzelfall. In meiner anfänglichen Kränkung hatte ich mich dazu verstiegen, hochgegriffene Parallelen zu ziehen: Paul Lendvai durfte und soll sich nicht mehr über Ungarn äußern. Thomas Mann sollte damals auch besser über den Krieg und das Regime schweigen, weil er als Exilant nicht dabei gewesen war. Christoph Waltz soll über Wahlausgang und Regierungsbildung die Schnauze halten. Et cetera. Und im selben Atemzug fielen mir noch viel mehr Autorinnen und Journalisten ein, denen nahegelegt wurde und/oder wird, über die Zustände in ihrem Herkunftsland den Mund zu halten. Weil ihre Ansichten und Denkanstöße nicht mit geltenden Dogmen und unhinterfragten Ideologien konform gingen und/oder gehen. Aber wie gesagt, das ist in meinem Fall viel zu hoch gegriffen. Ich bin im Vergleich zu diesen Dissidenten nur ein kleines Licht. Auch wenn dies schon der Boden ist, auf dem derartige Frucht keimt, ich bin einem Einzelfall begegnet, die/der sich über etwas aufregen wollte, nicht über etwas nachdenken. Österreich kann das besser. Das weiß ich. Und viele nette Menschen beweisen es.
Wer jetzt aber denkt, dieser Einzelfall wäre bloß ein weiterer aus der langen und fortgesetzten Reihe jener Einzelfälle und Lausbubenstreiche, die unter anderem die Wahlkarten abschaffen wollen, und damit das demokratische Mitbestimmungsrecht von Auslandsösterreichern, der könnte irrer nicht gehen.
Und darum frage ich mich zum ersten Mal, in den Händen welcher Wir-Gruppen ich mein Ursprungsland zurückgelassen habe? What´s wrong with you people?
Bitte, lasst mich mein Wien wiedererkennen wenn ich wiederkomme! Ich glaube an euch, ihr schafft das!

Fortsetzung folgt…

Quellen der Fotos:
Otto Preminger:
Von Allan warren - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9892395
Arnold Schwarzenegger:

Von Koch / MSC, CC BY 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38272407

Samstag, 9. Dezember 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 21)

Teil 21: Es schneit!


Frohen und gesegneten Advent!
Es schneit und schneit und schneit. Und wie es aussieht, nimmt das sobald kein Ende. White Christmas steht vor der Tür. Vorgestern sind die in den Boden gesteckten neonfarbigen Rundhölzer am Straßenrand aufgetaucht, der Himmel sah nach Schnee aus, und als im Waldviertel aufgezogener Mensch habe ich mir gedacht: „Oha! Schneewehen im Kommen!“ Gestern wurde dann dieselbe Wetterwarnung wie vor dem letzten Regensturm bekannt gegeben, und damit war klar, der Winter Neuenglands wird uns dieses Wochenende erstmals sein kaltes und eisiges Hinterteil zeigen. Zuletzt hatten wir bei Temperaturen um die 10° Celsius und prächtigem Sonnenschein gescherzt, ob wir überhaupt jemals wieder Schneefall in Connecticut erleben würden. Allen allerhöchsten Dementis eines Klimawandels zum Trotz. Heute schaut die Welt schon wieder anders aus: Wenn nur die Hälfte der zuletzt erlebten Regenmassen als Schnee vom Himmel fällt, dann sind wir Sonntagabend futsch, im Schnee begraben. Und wirklich nach nur wenigen Stunden, sieht es bei uns aus wie im Winter Wunderland. Ich bin überrascht, wie gut die Holzhäuser, die Wände aus Latten und Papier, den geänderten Wetterbedingungen trotzen. Die Heizung läuft zwar rund um die Uhr, und Tauwasser plätschert munter von der Dachtraufe, aber Energiefragen wie etwa -kosten oder -effizient sind ohnedies kein Thema. Dicke Schneeflocken fallen dicht vom silbergrauen Himmel. Und die Pracht blieb auch tatsächlich liegen. Eine weiße Decke breitete sich freundlich über kahle Bäume und braungescheckte Wiesen. Deutlich sieht man Tierspuren im Weiß. Jetzt trauen sich auch diejenigen ans Tageslicht, die sonst nur in der Nacht oder zur Dämmerung unterwegs gewesen waren. Endlich habe ich meinen ersten lebendigen US-amerikanischen Waschbären erblickt. Das Verkehrsopfer neben dem Highway zählte ich nicht, mich machen nur lebendige Sichtungen froh.
Neben den Eingangstüren und auf den Veranden stehen schon länger Schneeschaufeln bereit. Inzwischen tauchte bei mir der Gedanke auf, wer diese wohl benutzen wird? Oder wer das Stiegenhaus aufwaschen wird, nachdem wir Mieter alle mit unseren matschigen Schuhen die Holztreppen rauf und runter gelaufen sein werden? Die Antwort, basierend auf unseren bisherigen Erfahrungen, gefällt mir nicht. Wenn es nicht Juliane tun wird, wird es keiner machen! Und das schmeckt mir gar nicht. Sollte es wirklich nicht anders gehen, sich keiner der kräftigen jungen Herren bequemen, die Schaufel oder den Wischmopp zu schwingen, werde ich mir eben die Schneeschaufel unter den Arm klemmen und so schippen. Ich bin ja auch der Erste, der gegebenenfalls auf den Brettern der Frontveranda ausrutscht. Aber ich hoffe, das wird nicht nötig werden. Ich rechne damit, dass unsere Vermieter, jemanden vorbeischicken werden. Dieser Wesenszug mancher junger US-Amerikaner, dass wenn es nicht die Mutti macht, oder der freundliche Schwarze oder Latino mit dem Truck, macht es keiner, den finde ich – freundlich ausgedrückt – sehr bedenklich. Zum Beispiel hat der Wind eine Isomatte in den Rasen des Nachbargrundstückes geweht. Woher das Ding kam, wissen die Götter. In einem Anfall von Geschäftigkeit hat ein Nachbar eigenhändig die Isomatte neben die Mülltonnen gestellt. Aber wie glaube ich alle Müllabfuhren dieser Welt, nehmen die professionellen Abfallentsorger nichts mit, dass nicht ordnungsgemäß entsorgt worden ist. Das müssten die behüteten Küken aber erlebt haben, oder wenigstens einmal erzählt bekommen haben. Fakt ist, das Ding liegt immer noch herum, nach zwei Wochen. Jetzt allerdings im Vorgarten drei Häuser weiter.
Zu beobachten gibt es diesbezüglich genug. Auch in unserer Nachbarschaft. Fährt der städtische Müllwagen in eine Wohnstraße ein, wird er wie ein großer Meeressäuger im Ozean von kleineren Fischen umschwärmt und begleitet. Diese Trabanten profitieren von seinem Auftauchen und verwerten seine Nebenprodukte. So treibt jeder Coloniawagen eine Schar Müllsammler vor sich her. In gewissen Respektabstand zu dem großen LKW und seiner afroamerikanischen Besatzung parken zernutzte PKWs am Straßenrand, den Beifahrersitz, die Rückbänke und die Kofferräume voll mit prallen schwarzen Müllsäcken. Die größtenteils farbigen Lenkerinnen und Fahrer dieser Autos eilen flink zwischen den auf dem Gehsteig zur Abholung bereit gestellten Mülltonnen hin und her und sortieren die Wertstoffe heraus. Das heißt, die Glasflaschen, Aludosen und anderes, das bei Recyclingmaschinen, Mistsammelplätzen oder im Wertstoffhof zu Geld gemacht werden kann. Und das ist eine ganze Menge. Außer aus Fernsehberichten aus den Neunzehnhundertfünfzigerjahren kannte ich das Geschäft eines in Wien so genannten Reifenschusters nicht, hier gibt es sie noch (oder wieder?) die Gebrauchtreifenhändler.
Off topic: Schnee!
Außer den Menschen, die sich um zu überleben auf die Nische des Wertstoffsammelns spezialisiert haben, schert sich scheinbar niemand um Recycling. Juliane und ich hatten, wie wir es von daheim gewohnt sind, alle Glasflaschen und Getränkedosen separat gesammelt. Unsere prallen Säcke wollten wir bei der Pfandrückgabestelle eines Supermarktes leeren. Wir kamen mit einem Kofferraum voll damit auf dem Parkplatz an und wurden gleich seltsam beäugt. Der Raum mit dem Pfandrückgabegerät stank bestialisch. Die Maschine wurde offenbar nie gereinigt, nicht einmal mit einem Schlauch abgespritzt. Der einzige Zeitgenosse, der sich ebenfalls in den von Gärungsgasen stickigen Raum verirrt hatte, war ein schwarzer Obdachloser. Der Mann roch selbst streng, aber zeigte sich ausgesucht höflich und hilfsbereit. Das Gerät war natürlich voll, kein Angestellter fühlte sich zuständig, das Ding zu warten und/oder auszuleeren. Immerhin kannte der nette Obdachlose alle Tricks und Kniffe, das technische Gerät zur Zusammenarbeit zu nötigen. Trotzdem, mit unseren Säcken hätten wir den halben oder sogar ganzen Tag damit verbracht, unser Leergut zurückzugeben. Also fragte Juliane den Obdachlosen, ob sie ihm unsere Flaschen und Getränkedosen schenken durfte. Der Mann hatte schließlich auch seinen Stolz, dem man, wie es sich hierzulande gehört, mit Respekt zu begegnen hatte. Er hat sich sehr gefreut. Ich schätze mal, dass er nach einem Tag Arbeit rund fünf bis zehn Dollar mit unserem Abfall verdient haben wird. Das nächste Mal werden wir unsere Säcke gleich einer oder einem der Müllsammler aus dem Tross der Müllabfuhr anvertrauen und uns den Weg zum Supermarkt ersparen. Auf Recycling legt man hier scheinbar keinen Wert. Oder man rechnet es den Obdachlosen und Armen zu. Ein Blick auch in die mitteleuropäische Zukunft? Flaschensammeln dient mancherorts ja bereits als Renten- bzw. Pensionsaufbesserung.
Dafür gleich danach das Kontrastmittel. Ich lenkte den gemieteten SUV vom Supermarktparkplatz auf die zugehörige Tankstelle. Natürlich vollautomatisiert und von den Bildschirmen an den Zapfsäulen brüllte mich Werbung für billige Kredite an. Tanken ist bei der Miete für ein ZIP-Car enthalten, funktioniert via Chipkarte und Code. Aus Gewohnheit habe ich mitgeschaut, wie viel Benzin in den Tank floss, und wie viel er gekostet hat. Große Freude, der Sprit erwies sich als extrem billig. Anders könnte man sich die US-amerikanischen Motoren mit Hubräumen zwischen drei und vier Litern nicht leisten. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, ich „bezahlte“ ja gar nicht per Liter. Ich bezahlte nach Gallonen! Das bedeutete eine US-amerikanische Flüssiggallone entsprach rund 3,8 Litern! Ich zahlte für fast vier Liter Benzin weniger als für einen Liter in Österreich. In etwa bloß ein Viertel. Da wunderte es mich auch nicht mehr, das unsere Heizung bei Kälte ununterbrochen heiß bleiben konnte. Alles in allem lösten sich dadurch alle meine Fragen zu US-amerikanischer Umweltpolitik in Rauch auf.
Buchten wir uns in New Haven einen Uber, konnte ich beobachten, dass ausnahmslos alle Autos zwar Gebrauchtwagen, aber aus dem Hochpreissegment waren. Entweder deutsche Limousinen oder SUVs. Und wirklich bei allen leuchtete das Motorblock-Alarmzeichen auf dem Armaturenbrett. Mit einer einzigen Ausnahme, einem neuen Jeep-Wrangler, der einem Studenten gehörte, der als Uber-Fahrer arbeitete, um seine Raten für den Wagen abzubezahlen. Bisher war dieser nette junge Mann der einzige Student, der neben seinem Studium gearbeitet hat. Aus all dem schließe ich, dass die meisten der hiesigen Uber-Fahrer mit den Fahrtendiensten ihre Autokaufraten abbezahlen und sich den Weg zum Service in die Werkstatt trotzdem nicht leisten können. Um sein Gewissen zu beruhigen, weil man überhaupt einen Uber bucht, raten jetzt einige, man solle einfach nach jeder Fahrt mehr Trinkgeld geben. Das ist zwar gutgemeint, aber selbst alle Trinkgelder zusammen können keine Kranken- und Sozialversicherung ersetzen. Ich weiß, wovon ich rede. Bei der Lektüre meiner monatlichen Krankenhausabrechnung wird mir jedes Mal schwarz vor Augen. Und mein Konto sieht Rot. Somit schließt sich der Kreis zum Flaschensammeln…


Fortsetzung folgt…

Mehr Schnee!

Samstag, 2. Dezember 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 20)

Teil 20: Fest- und Feiertags- Saison, New York


Ein Aufatmen der Erleichterung geht durch die USA. Gefolgt von einem Rülpser. Thanksgiving ist vorbei! Der Festtagsschmaus ist überstanden, der Braten aufgegessen und verdaut. Der freundliche Gummitruthahn zum Aufblasen ist von der benachbarten Frontveranda verschwunden. Der mannsgroße Indian in Pilgerkleidung hat bereits Santa Claus Platz gemacht. Indian, so hieß der amerikanische Vogel früher einmal in Österreich. In Erinnerung an den größten Verfranzer der Weltgeschichte. Vorsicht Kalauer: Ein Italiener am Steuer halt. Und heute gibt´s alles Gute von der Pute. (Haha!) Jedenfalls im Magen ist wieder Platz für Kekse und allerhand andere Feiertagsspezereien, die verschlungen werden wollen. Aber eines nach dem anderem…
Unser erstes Thanksgiving haben Juliane und ich beim Institutsvorstand und seiner Frau verbracht, im Kreis der internationalen Gäste des German Departments. Das war ein sehr nettes und warmherziges Aufsammeln der Internationalen, da Thanksgiving als das wichtigste säkulare Familienfest betrachtet wird. Für einige ist es inzwischen wichtiger geworden als das leider doch recht kommerzialisierte und dank einigen Fundis überfrachtete und explosive Weihnachten. Das äußerte sich im Alltag. Die Woche vor Thanksgiving gestaltete sich ordentlich stressig, da alles Dringende vorab und alle Vorbereitungen dafür erledigt werden musste. Das heißt: Bevor dieses Jahr von Donnerstag bis Montag gar nichts mehr ging, und alles öffentliche Leben pausierte, was in den USA höchst ungewöhnlich ist. Es gibt keine religiösen Feiertage, und z.B. die Post kommt auch sonntags. Selbst die Yale-Shuttles stellten ihren Betrieb ein. Die Wohnungen und Häuser ringsum standen leer, die meisten waren woanders zuhause oder bei jemandem zu Gast. Dieser Umstand bereitete uns große Freude, als am Mittwochabend ein Feuermelder zu quäken begann. Es war beruhigend zu erleben, dass sich bis Sonntagabend kein Mensch um den Alarm kümmerte. Verglichen mit dem anhaltenden Technikterror durch diese offensichtlich nutzlosen, dafür aber unsäglich lauten und nervtötenden Geräte, wäre es mir schon fast lieber gewesen, es hätte tatsächlich nebenan gebrannt. Da wäre nach dem „Brand aus!“, Ruhe gewesen. So waren wir dazu verdammt, abzuwarten, bis sich endlich herausstellte, in welchem der verlassenen Apartments ringsum das verdammte Ding piepte und/oder warum. Einer unserer eigenen Brandmelder, der in der Küche (!), war jedes Mal losgegangen, nachdem ich ein putziges kleines Brathühnchen (eine Cornish Hen) beim Zubereiten mit Wasser übergossen hatte. Dampf stieg auf, Deckenterrorist quäkte. Die Auflösung der Ursache der Thanksgiving-Lärmbelästigung ergab dagegen eine ebenso erschütternde wie lächerliche Pointe.
Die Tage vor und um Thanksgiving waren schon immer als reichlich gefährlich verschrien. Zu dieser besonderen Zeit im Jahr sollten Spaziergänger die Wälder Neuenglands besser meiden. Der Ruf der Natur war und ist im Indian Summer am lautesten. Manch einer spürt dann seine gottgegebene Berufung zum Jäger. Können und Talent, den Feiertagsbraten selbst zu erlegen, so denkt der Nachfahre der Pilgerväter, sei ihm in die Wiege gelegt. Dass dieselben Vorfahren ohne die Natives hilflos verhungert wären, deren Fest sie da schamlos als das ihre begehen, darüber wird der Mantel des Vergessens gebreitet. Die Traditionellsten jener Herrschaften sind übrigens oft die, deren Urgroßväter erst in die USA kamen und die heute einen Einwanderungsstopp für Wirtschaftsmigranten fordern. Ich will ja keine Namen nennen. – Steve Bannon! – Aber egal! Wer dem Herumballern entflieht, der meidet auch besser die Hausmannskost und das Selbstgebackene. Denn wie es die eine oder einen nur einmal zum Jagen in den Wald verschlägt, verschlägt es die oder den anderen nur dieses eine Mal im Jahr zum Essenmachen in die Küche. Trotzdem ist es ein ungeschriebenes Gesetz und eine unbedingt zu erfüllende Erwartung etwas eigenhändig Zubereitetes zum Thanksgivingschmaus mitzubringen. In unserem Fall war die geschlechtsspezifische Rollenverteilung klar. Wie es Gott gewollt hat! Meine Frau hat den Fusel eingekauft, ich hab Kürbissuppe gekocht. Und nachdem ihre Flaschen und mein Topf (der größte, den ich habe) relativ flott leer waren, haben wir unseren Teil des Jobs gut erledigt.
Überhaupt war es ein sehr schöner und geselliger Abend. Das vom Gastgeberpaar bereitete Hauptgericht samt Beilagen schmeckte fantastisch. Die von den Gästen mitgebrachten Zu- und Nachspeisen waren auch gut und allesamt bestens durchdacht, trotzdem stellenweise halbgar. Ganz nach scholastischer Tradition. Wir trafen uns schon nachmittags, wie es üblich ist, zu Drinks und Konversation im Wohnzimmer und zu Zigaretten auf der hinteren Veranda. Ein inzwischen befreundeter Brite hatte vor vier Jahren mit dem Rauchen aufgehört, wegen der supersportlichen und sittenstrengen Amerikaner hat er in Yale wieder damit angefangen. Ich denke, das mit dem relativ frühen Treffpunkt vor dem gemeinsamen Abendessen wird gemacht, dass man bis zum Essen schon soweit beduselt ist, dass einem innerfamiliäre bzw. zwischenmenschliche Spannungen, Schrotkugeln im trockenen Truthahn und klebriger Kekse-Teig völlig wurscht sind. Bei mir hat es geklappt. Ich habe Thanksgiving sehr genossen. Juliane fühlte sich danach ein wenig voll. Vom Essen, nicht vom Trinken!
Sonntagabend kamen dann auch unsere Nachbarn endlich nachhause. Vom Fenster aus beobachteten Juliane und ich eine aufgeregte Expedition mehrerer Pärchen zu einer Mulde, abgestellt auf dem Parkplatz hinter den Nachbarhäusern. In einem der Gebäude wird scheinbar renoviert, und jede Menge Baumaterial in dem Container entsorgt. Nach längerem Waten und Wühlen im Dreck war der Übeltäter endlich gefunden. Das Piepen des Rauchmelders verstummte. Irgendjemand hatte die Brandmelder mitsamt der Batterien und funktionstüchtig in die Mulde geworfen. Auf die Idee die giftigen Dinger vor dem Entsorgen aus den Geräten zu nehmen, ist niemand gekommen. Hätten wir nicht schon unter einem Völlegefühl gelitten, uns wäre schlecht geworden.
Am 30.11. war Thanksgiving dann auch schon verdaut. Und der Appetit auf Advent in New York geweckt. Der Plan war so simpel wie genial: Mit dem Commuter-Train, dem Pendlerzug, an den Big Apple und dort ins Cafe Sabarsky in der Neuen Galerie an der Park Avenue. Das Sabarsky war bzw. ist ein original Wiener Kaffeehaus wie es selbst in Wien nur noch wenige gibt. Es teilt sich das Dach mit der „Goldenen Adele“, kaum restituiert schon hierher verkauft, und liegt nicht zufällig in der Nachbarschaft der deutschsprachigen jüdischen Gemeinde. Kurz gesagt, ich war voller Erwartung. Die (deutschsprachige) Speisekarte verhieß einen Tag in Alt-Wiener Tradition vom kleinen Gulasch bis zum Einspänner. Entsprechend gutgelaunt fuhren wir zur Unionstation. Wir haben es halt einmal probiert und gefragt, ob ich mit meinem österreichischen Behindertenpass eine Fahrpreisermäßigung auf das Ticket nach New York bekomme. Anstandslos! Der Schalterbeamte hat bloß kurz erstaunt geguckt. Ein Behindertenausweis mit Foto und im Scheckkartenformat, das war ihm neu. Die US-Amerikanischen Verkehrsbetriebe gaben mir also wider allen Erwartungen und entgegen aller Klischees Rabatt wegen meines Gesundheitszustands. Anders als die Wiener Linien, die mir trotz Zusatzeintrag „Fahrpreisermäßigung“ auf meinem Behindertenpass keine geben, weil ja niemand anderer bzw. keine soziale Einrichtung ihren dadurch entstehenden Verdienstentgang ersetzt. Meine Jahreskarte habe ich darum diesen Monat nach 21 Jahren gekündigt. Im Pendelzug von Connecticut nach New York hätte sie mir eh nichts genützt, weder ermäßigt noch weiterhin zum Vollpreis.
Der Blick aus den Fenstern während der zwei Stunden Fahrt war bezeichnend und informativ. An der Küste zwischen New York und Connecticut liegen die teuersten Anwesen der USA. Trotzdem sahen einige Bahndämme aus wie Müllkippen, und manch ein Bach- oder kleiner Flusslauf auf seinem Weg zur Küste ähnelte einem Gewässer in einem Slum. Juliane meinte, dass es interessant sei, von der Eisenbahn die Rückseite dieser Welt betrachten zu können. Ich hoffe sie hat Recht, und der Ausblick war „bloß“ die Rückseite der Verhältnisse dieser Gesellschaft und nicht ihre Vorderansicht. Ohne zunächst erkennbarer Logik wechselten sich gepflegte Ortschaften mit obskuren Siedlungsformen ab. Einfamilienhäuser, Golfplätze und weiße Kirchen mit besprühten Werkhallen, baufälligen Hütten und Halden aus abgewrackten Hochseebooten. Dann wurde klar, je näher wir New York kamen, desto einkommensstärker und urbaner wurden Umfeld und Infrastruktur. Sogar die Bronx wirkte im Vergleich zu einigen Dörfern entlang des Weges „zivilisiert“ und am Leben.
Die Central Station war für das Weihnachtsfest festlich, farbenfroh und durchaus patriotisch geschmückt. Weihnachtskränze in Rot und Grün, Stars and Stripes in Blau-Weiß-Rot und Army-Soldaten und Nationalgardisten in Camouflage und Feldbraun. In der Vanderbilt Hall besuchten wir die größte überdachte Holiday Fair der USA. Das war sehr nett. Aber die Klischees über New York müssen ja auch irgendwoher kommen. Wir hatten einen Christkindlmarkt erwartet, gefunden hatten wir einen hochpreisigen Designermarkt mit etwas Christbaumschmuck und Flitter. Trotzdem schön zum Anschauen. Wir haben uns auch zwei Christbaumstücke geleistet. Einen Engel und einen Bären. Natürlich handgefilzt aus Kirgistan. Muss ja.
Mit der U-Bahn in die 86th Street. Von da zu Fuß weiter, es wartete der Verlängerte zur Belohnung. Und wirklich, wir wurden freundlich empfangen. Ein netter Mann im Anzug hielt uns die Tür auf, bat uns herein. Dann machten wir den Fehler und fragten nach dem Kaffeehaus. Heute geschlossen, wegen einer privaten Veranstaltung! Die Enttäuschung stand uns ins Gesicht geschrieben. Die Chance hatten wir vertan, uns in den Event zu schummeln. Wir mussten gehen. Die Gattin nahm es gelassen und in ihrer ganz eigenen Professionalität. Nur zwei Hauserblöcke weiter ärgerte sie sich bloß noch in Zimmerlautstärke. Meine Stimmung war auch nicht die beste. Zwei Stunden Zugfahrt für Arsch und Friedrich! Was soll´s, sagte ich, gehen wir halt was essen. Und wirklich, keinen Steinwurf entfernt die Gelegenheit: Ein kleines französisches Restaurant mit für die USA und vor allem New York moderaten Preisen. Jeweils ein zweigängiges Menü (Prix fix inklusive Glas Wein) später, ging es uns beiden besser. Ich verspeiste ein typisch französisches Gericht: Ein Steak mit Pommes frites, serviert mit einer Flasche Heinz Ketchup. Mon Dieu, es gibt sie wirklich, die zweite Sozialisation! Juliane aß eine köstliche Ente à l´ Orange, die allerdings zu ihrer Überraschung weder nach Ente, noch nach Orange schmeckte. Weil sie zum Hauptgang ein Coq au vin bestellt hatte. Lost in translation. Wie dem auch sei, ich nahm zum Abschluss ein Glas Chartreuse. Dabei löste ich mit meiner Aufforderung, mir mit den Eiswürfeln vom Leib zu bleiben, Verwirrung und Entsetzen aus. Weil dieser Kräuterlikör scheinbar höchst selten, und wenn, in NY immer mit Eis bestellt wurde, hatte der Kellner keine Ahnung, wie viel davon er mir in welches Glas einschenken sollte. Die Chefin übernahm selbst. Und ich bekam nach mehreren Versuchen mit falschen Gläsern, einen halbvollen Kognakschwenker. Das war reichlich zum Preis eines Shots. Zuletzt doch noch Glück gehabt!
Eigentlich wollte ich mir noch den Christbaum vor dem Rockefeller-Building ansehen, aber der Chartreuse und meine Beine hatten andere Pläne. Juliane entschied, die Rückreise anzutreten. Auf dem Weg zur U-Bahn kamen wir an der New Yorker Version des legendären Witte an der Linken Wienzeile vorbei. Dasselbe Geschäftsmodell, dasselbe Aussehen, das war wohl kein Zufall bedenkt man, in welcher Gegend wir waren. Ein vor Weihnachtsschmuck, Partyzubehör, Scherzartikeln und Spielwaren blendend strahlender Laden bot ich unseren staunenden Blicken. In der Auslage das Beste beider Welten: Chanukka und Weihnachten friedlich vereint. Blau, Rot und Flitter bis zur Reizüberflutung. In dem Geschäft gab es alles, vom aufblasbaren Herrnhuter Stern Made in China bis zu Schokoladen-Makkabäern hergestellt in Brooklyn. Servietten, Deko, Christbaumstücke, alles entweder mit Stern und Quaderschrift in Weiß und Blau, oder christlich-weihnachtlich in Gold, Grün und Rot. Sogar goldene Buddhas mit pastellfarbigem Flitter für Adventkranz und Christbaum fanden sich im Sortiment. Das Resultat war ein veritabler Weihnachtsflash samt Kaufrausch. Sowas kommt von sowas, unser Heim strahlt jetzt US-adventlich. Im Wohnzimmer hängt ein goldener Herrnhuter Stern-Ballon mit einem Meter Durchmesser. Der geriet mir beim Zusammenbauen etwas größer, als ich erwartet hatte. Der „kleine“ rote am Fenster misst bloß 70 Zentimeter. Etwas für die Nachbarn: Roter Stern New Haven! Und wenn einer sensiblen Seele jetzt etwas oder jemand im friedlichen und multikulturellen Miteinander abgeht, keine Angst. Die allgegenwärtigen freundlichen Wachsoldaten mit der Waffe im Anschlag erinnerten uns in der Central Station und an jeder Holiday Fair daran, wer oder was für Europäer inzwischen in dem Bild fehlt. Die Eingänge zu den Weihnachtsmärkten sahen aus wie die Einfahrten von Militärcamps. God bless America! Und die gelungene Integration!
Der Pendlerzug zurück nach New Haven war in wenigen Minuten voll. Es gab keinen freien Sitzplatz mehr. Zum Glück waren wir etwas früher auf dem Bahnsteig gewesen. Dabei fuhren die Garnituren alle zwanzig Minuten. Und weil dem so ist, wird das Angebot bestens genutzt. Der Zug ist dadurch bequemer und schneller als das Auto. Die einzelnen Stationen der Rückreise hörten sich als Durchsage für mich in etwa so an: „This Port, Next Port, Another Port, Further Port, New Haven!“ Ich wollte ja schließlich an der Küste leben. Da darf ich mich nicht wundern, wenn die Orte alle Port hießen, Hafen.

Fortsetzung folgt…

Die Unionstation in New Haven, CT.




Montag, 13. November 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 19)

Teil 19: I am Austrian, I will not be Heil-ed!


Jetzt habe ich es auch endlich gesehen, Rodgers & Hammerstein´s: The Sound of Music! Das Musical, das für die Mehrheit der US-Amerikaner wie nichts anderes für Österreich steht. Zusammen mit meiner Frau aus Dresden. Ich musste 39 Jahre alt werden und nach New Haven gehen. Und wie so oft in den USA entwickelte sich der Abend völlig anders als von uns Europäern erwartet.
Natürlich wusste ich, dass es sowas wie The Sound of Music gibt. Sowohl als Film als auch als Bühnenstück. Ich hatte auch von der von Trapp-Familie und ihrer Flucht vor dem Anschluss gehört. Als ich 1995 anlässlich der 50-Jahr Feier der UNO und UNESCO in New York gewesen bin, wurde ich oft danach gefragt. „Ob Österreich immer noch so ist?“, wollten viele wissen. Nicht nur von mir und nicht bloß damals. Ich habe viele getroffen, die von der Fragerei nach Film und Musical schon ziemlich genervt waren. In New Jersey hat mir eine Studentin aus Oberösterreich erzählt, längst aufgegeben zu haben und stets zu antworten, dass sie im Sommer im Dirndl mit dem Haflinger zur Schule geritten ist, und im Winter mit den Schiern hingefahren ist. Da ich oft und gerne in Salzburg bin, kannte ich auch die geführten Touren für englischsprachige Touristen. Täglich werden mehrere Busladungen begeisterter Fans an die Spiel- und Drehorte von The Sound of Music gekarrt. Und das war es dann auch. Ich dachte an ein süßliches Klischee. Ein bisserl Jodeln und Hopsen im Dirndl und der Krachledernen über saftige Weiden. Punkt und aus. Was geht mich das an?
Jede Menge Merchandising...
Zweiundzwanzig Jahre später wohne ich in New Haven in Connecticut und treffe Inger, eine Krankenschwester aus Dänemark, die nicht nur unglaublich gerne Schifährt, sondern dafür auch regelmäßig die Trapp Family Lodge in Vermont besucht. In unserer Begegnung versteckten sich für mich also gleich mehrere Überraschungen: Erstens erfuhr ich, dass es in unserer unmittelbaren Umgebung ein Schigebiet gibt. Zweitens, dass es von Exil-Österreichern betrieben wird. Und drittens, dass es hier zigtausende Fans des alpinen Skiweltcups gibt, die auch alle brav zu den Rennen pilgern. Nicht ganz grundlos, u.a. Mikaela Shiffrin besuchte die Burke Mountain Academy in Vermont. Ich bin selbst Schi-Fan, aber wurde dafür in Österreich von den üblichen Verdächtigen gerne belächelt. Weil das ja außer „uns“ niemanden interessiert. Eine Meinung, die wohl ungeprüft (Stichwort: Einschalt- und Übertragungsquoten) von gewissen Nachbarn übernommen wird, die sich in letzter Zeit bis auf ein paar erfolgreiche Ausnahmen aus Bayern kaum oder nur schlecht auf den Rennbretteln halten können. Jedenfalls bestimmt hierorts die Trapp Family das Bild von Österreich. Auf den ersten Blick ist das für mich eine amüsante Schimäre aus westösterreichischer und bayrischer Folklore. Die Brauerei stellt dafür ein „Wiener“ Bier her, das wirklich wie das Ottakringer Original schmeckt. Klingt alles wie business as usual. Stünde da nicht die Flagge der k. u. k. Kriegsmarine im Büro des zu internationalen Filmruhm gelangten ehemaligen österreichischen U-Bootkapitäns und Familienpatriarchen von Trapp. Und dieses Detail lieferte den fixen Punkt, der unseren harmlosen Theaterabend aus den Angeln hob.
Es war Inger, die mich informierte, dass dieses Wochenende im Shubert-Theater New Haven eine Produktion von The Sound of Music lief. Sie wusste ja, dass ich Österreicher bin. Und ich wäre es nicht, wenn ich ihr gegenüber nicht schon einmal die Schlacht von Helgoland (Österreich vs. Dänemark 1866) und mein berufliches und privates Interesse an der österreichischen Marine erwähnt hätte. Weil ich zugegebenermaßen keinen Schimmer von dem Stück (oder dem Film) hatte, meinte sie, ich müsste mir das unbedingt ansehen. Die Gattin war von der Vorstellung, fröhliches Trällern im Alpenglühen zu bestaunen, zunächst nicht wirklich begeistert. Aber Inger und ich erinnerten sie daran, dass es beim Eheversprechen „in guten wie in schlechten Zeiten“ hieß. Juliane ließ sich hernach auch nicht lange bitten und checkte uns die Karten. Und voller Erwartung eines fröhlich heiteren Stelldicheins mit der leichten Muse bestiegen wir unseren Uber und fuhren vor dem Theater vor.
Das Shubert in New Haven sieht für meine europäischen Begriffe weniger wie ein Theater als vielmehr wie ein Kinocenter aus. Hohe Glastüren, mannshohe Plakate, Spannteppich und mehrere Bars die Popcorn, Snacks und Getränke in Plastikbechern verkauften. All das durfte selbstverständlich in den Zuschauerraum mitgenommen werden. Juliane und ich tranken vor der Vorstellung jeweils einen Piccolo Sekt und ein Bourbon-Cola. Aus dem Plastikbecher mit dünnem schwarzem Strohhalm versteht sich. Der dünne Trinkhalm weist das Getränk als alkoholisch aus. Das war allerdings der Teil, der mir als Europäer völlig wurscht blieb.
Ganz und gar nicht egal war uns die Steigung der Zuschauerränge. Der Blick stürzte quasi auf die Bühne. Ganz zu den Alpen passend überlegten Juliane und ich eine Seilschaft zu bilden. Unter Zittern und Stöhnen kletterten wir zu unseren Sitzplätzen. Unser exotisches Idiom weckte das Interesse einer Billeteurin, die uns erzählte, wie sehr sie The Sound of Music liebte. „Edelweiss“ wäre das Lieblingslied ihres Vaters gewesen, und sie müsse dabei jedes Mal weinen. Das erschien mir ein wenig prosaisch. Noch.
Der erste Akt erfüllte all unsere Erwartungen. Jodeldüüh, Herzeleid und Heißa hopsasa. Wir fragten uns, ob das wirklich ein Stück über den Anschluss 1938 war. Die Darstellung der ehrwürdigen Mütter aus dem Kloster Nonnberg brachte mich zum Schmunzeln, weil meine Tante bei ihnen im Internat gewesen ist. Der bemitleidenswerten und rebellischen Seele war hinter den Klostermauern selten zum Singen zumute. Zum Glück war das Klofenster nicht vergittert. Aber egal, die sieben Kinder spielten allerliebst. Die Sänger waren hochprofessionell. Und das Publikum war außer Rand und Band. Eine Stimmung wie im Fußballstadium. Popcorn und Begeisterung vor und nach jeder Nummer.
Dann kam die Pause. Der nette Barkeeper erinnerte sich an mich. Aus irgendeinem Grund war er der Meinung, dass ich vor dem zweiten Akt einen dreifachen Bourbon in meinem Cola brauchte. Dafür berechnete er auch bloß einen Dollar mehr. God bless him! Der Rest der Pause verlief wie immer und überall. In der Herrentoilette hallende Leere, vor der Damenvariante eine endlose Schlange. Mein Angebot, schnell ins feindliche Lager zu wechseln, lehnte Juliane aber wohlweißlich ab. Es gibt Dinge, da verstehen US-Amerikaner bei aller zur schaugestellten Lockerheit einfach keinen Spaß.
Im zweiten Teil des Musicals blieb uns das Lachen im Hals stecken. Die Stimmung verdüsterte sich zusehends. Ich war verblüfft, im Hochzeitsanzug des Kapitäns von Trapp die authentische Uniform eines k. u. k. Korvettenkapitäns zu erkennen. Dann geschah auf der Bühne das Unausweichliche, die Nazis übernahmen die Kontrolle. Auch hier alle Uniformen korrekt. Als sie die Trapp-Familie bei den Kaltzberger Festspielen auf die Bühne zwingen, verhüllten fünf riesige Blutfahnen die Bühne. Vor den Hakenkreuz-Fahnen sang Vater Trapp dann „Edelweiss“. Wenn ein Wiener bei „Edelweiss“ zu weinen anfängt, dann bedeutet das zwei Dinge: Erstens, dass die Inszenierung wirklich gut ist. Und zweitens, dass es um Österreich im Moment nicht gut steht. Juliane war völlig fertig, Sie fühlte sich von den riesigen Fahnen auf der Bühne bedroht. Sie hatte die Dinger noch nie live und in der Größe erlebt, in Deutschland sind sie verboten.
Viele US-Amerikaner halten „Edelweiss“ bis heute für ein traditionelles österreichisches Lied oder sogar für die Nationalhymne, es wurde aber für The Sound of Music komponiert. Das Symbol ist jedoch authentisch. Das Edelweiß war das Symbol nicht nur der Gebirgsjäger, sondern auch der so genannten „Vaterländischen“. Christlich Sozialer und nicht selten katholisch-monarchistischer Widerstand. Dass beim Einzug in den Nationalrat an bestimmten Revers die blaue Kornblume durch das Edelweiß ersetzt wurde, ist kein Zufall, sondern Inszenierung. Eine deren Bedeutung mir erst durch die Inszenierung von The Sound of Music in den USA bewusst gemacht wurde. „Edelweiss“ ist das Abschiedslied an das Österreich, das die Trapp-Familie kannte und liebte. Und dass ich das Stück oder den Film so überhaupt nicht kannte, das hinterließ einen fahlen Beigeschmack auf meiner Zunge. Die gleichen Menschen sind erschüttert, dass wieder Deutschnationale im Nationalrat sitzen, deren Bildungspolitik erneut dazu geführt hat.

Mein Lieblingssatz aus dem Stück lautet jedenfalls für jetzt und allezeit: „I am Austrian, I will not be Heil-ed!“

Fortsetzung folgt...

Da wird das Bühnen-Salzburg eingepackt und in die nächste Stadt gebracht...

Samstag, 4. November 2017

Aus aktuellem Anlass...

Möchte ich mich entschuldigen. Bei allen Wählerinnen und Wählern, die ich nach bestem Wissen und Gewissen überzeugt habe, Peter Pilz in der Nationalratswahl ihre Stimme zu geben. Weil er sein Mandat nicht antritt. Für viele muss sich das jetzt anfühlen, als wären sie um ihre Stimme betrogen worden. Dafür möchte ich mich entschuldigen!
Meine Meinung in aller Kürze: Wenn die angejahrten Vorwürfe der bisher nicht in der Öffentlichkeit aufgetretenen Mitarbeiterin vor einem entsprechenden Gremium verhandelt wurden, es eine Einigung und Verurteilung gegeben hat, dann braucht es heute niemanden, der moralinsauer mit dem Finger darauf zeigt und urteilt. Die dafür zuständige Instanz hat nämlich bereits geurteilt und einen Schlussstrich gezogen. So funktioniert unser Rechtssystem. Für alle.
Und einmal mehr als Kassandra: Wer auch immer diese Kampagne angeleiert hat, sie oder er wird daraus keinen Nutzen ziehen. Die Wählerinnen und Wähler von Peter Pilz werden nicht reumütig zu Rot oder Grün zurückkehren. Die Selbstvernichtung der politischen Linken ist um eine Facette reicher.

Ich bin persönlich sehr enttäuscht. Trotzdem glaube ich, dass es wichtig ist, sich weiter politisch zu engagieren.

Donnerstag, 2. November 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 18)

Teil 18: Happy Halloween! Angst und Schrecken in finsterer Nacht.


Heute ist Allerseelen und unser erstes Halloween in den USA ist auch schon wieder vorbei. Auch der fünfhundertste Jahrestag der Reformation. Auf beides habe ich mich lange gefreut, auf „Luther 2017“ mehrere Jahre. Auf Halloween in den USA sogar noch länger, seit ich die „Treehouse of Horror“-Specials der Simpsons (1-28) verfolgt habe. Letztere, nämlich die Macher der Simpsons, versprachen mir, dass nachdem die kleinen Quälgeister mit ihren erbeuteten Süßigkeiten ins Bett gebracht sein würden, die großen Dämonen von der Leine gelassen, und das Halloween für Erwachsene beginnen würde. Lügner, schamlose!
In einer Universitätsstadt hatte ich mir von Halloween einiges erwartet. Besonders bei um die 20 Grad Celsius Außentemperatur und Indian Summer. Ideale Bedingungen zum Verkleiden und Ausgehen. Doch nichts, rein gar nichts war los. Bis auf ein paar erwartungsfrohe alte Säcke wie mich und ein paar junggebliebene Hexen. Ich bin mit einem Sack Schokolade neben der Tür gesessen, um auf „trick or treat“ zu warten. Aber das Gruseligste dieses Abends war das Lauschen auf das Schweigen der Türklingel, das Rauschen der Bäume und die Stille der Nacht vor den Fenstern. Okay, zwei oder drei Nachbarskinder krähten fröhlich aus dem offenen Fenster, und irgendwelche Besoffenen aus einem angrenzenden Viertel bekamen sich in die Haare. Das waren aber die ganz alltäglichen Typen, und sie waren auch nicht verkleidet. Die schauen zwar wie Zombies aus, sind aber keine. Wie an jedem anderen Wochentag waren spätestens um Mitternacht ringsum alle Lichter aus und alle im Bett. Bis zirka Drei Uhr morgens, dann nämlich stehen die oberen Nachbarn zum traditionellen Holzschuhtanz auf, den sie Nacht für Nacht für ihre unteren Mitbewohner aufführen. Ist man den einen die Klampfe würgenden Studenten los, zieht kurz darauf der nächste ein. Wir sind hier so unglaublich locker, individuell und gar nicht spießig. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass zumindest in New Haven am Abend von Halloween genau die Friedhofstille Einzug gehalten hat, die sich manche Traditionalisten nach Mitteleuropa zurück wünschen, wo inzwischen Partys mit sexy Hexen und schaurigen Untoten gefeiert werden. Für die Teilnahme müsste ich mich nicht einmal schminken, nicht nur bin ich krankheitsbedingt scheckig, ich bin auch grün vor Neid. Wirklich alles in der Welt scheint einem Kreislauf, einem Auf-und-Ab und Hin-und-Her unterworfen.
Halloween ist die irische Variante des keltischen samuin oder Samhain-Fests. Die keltische Kultur nahm in Hallstatt im Salzkammergut ihren Anfang, mit den Hallstatt-Kelten. Von dort verbreiteten sich Sprache, Brauchtum und Glauben bis auf die britischen und irischen Inseln. Und von dort weiter in die USA. Trotzdem habe ich mir neulich eine Dokumentation über die Hallstatt-Kelten (!) angesehen, in dem kein einziges Wort über den Ort Hallstatt zu hören und kein einziges Bild von Hallstatt zu sehen war. Nichts, keine Situla von Kuffern, kein Kultwagen von Strettweg, keine Schnabelkanne vom Dürrnberg. Auch kein Bogenschütze von Amesbury (Stonehenge). Die interviewten französischen und deutschen Archäologen haben sich vielmehr gewundert, mit welchem kostbaren Gut diese Vorfahren wohl gehandelt haben mochten, um derart wertvolle Luxusgüter z.B. von den Griechen zu erwerben. – *Räusper* - Hall bedeutet Salz! In Hallstatt im SALZkammergut ist die der Kultur namensgebende Saline. Ob dieses Auslassen – ich glaube nicht, dass es Unwissen ist – mit der heutigen modernen und weltoffenen Gesellschaft in Österreich zu tun hat? Wie dem auch sei! An Halloween/Samhain waren die Tore der Unter- bzw. Anderswelt geöffnet, alle Toten, Geister und Dämonen hatten zwei Nächte Ausgang. Wenn ich bedenke, dass die präkolumbianischen Azteken in exakt denselben Nächten (und von Europa unbeeinflusst) ihr Fest mit genau demselben Inhalt begangen haben, heute heißt es: Dia de Muertos – dann bekomme ich Gänsehaut.
Während in Europa dank Imperium Romanum, germanischen Wirtschaftsflüchtlingen (aka Völkerwanderung) und katholischer Kirche das lebensbejahende Totenfest in ein stilles, grabsteinschrubbendes und Kerzen anzündendes Allerheiligen verwandelt wurde, steppten in den USA die Hexen und in Mexiko die Skelette. Durch den alleinseligmachenden Einfluss der First Church of Income und der Anbetung des allmächtigen Dollars dreht sich das jetzt alles wieder um. Das heißt, während meine Nichte und mein Neffe in Österreich eine Halloweenparty feierten, verabredeten sich die Yale-Studenten zum Lernen, Laufen und Früh-zu-Bett-Gehen. Jobqualifikation und Selbstoptimierung. Die einzige offizielle Halloweenveranstaltung der Uni fand zu Mittag statt. Wenigstens einer Stifterstatue an einem College hat ein Tapferer einen Kürbis aufgesetzt. Es war zum Haare-Raufen.
Die Kinder, auf die ich gewartet hatte, durften nicht mehr von Haus zu Haus gehen. Ihre Eltern, erzählte man mir, verabredeten sich nach dem Kindergarten oder der Schule. Man traf sich in einem Parkhaus, parkte Kofferraum an Kofferraum, und die verkleideten Kleinen marschierten von einem Auto zum nächsten. Aus den offenen und dekorierten Laderäumen bekamen sie ihre Tüten und Säcke mit Naschereien gefüllt. Die Geister und Gespenster blieben unter ihresgleichen. Was zunächst nach Arroganz klingt und so manche Klassenkämpfer aufschreckt (mein innerer hat auch gleich aufgejault), hat leider nachvollziehbare soziale Gründe. In letzter Zeit wurden vermehrt Nadeln, Rasierklingen und sogar Gifte in den Süßigkeiten entdeckt. Ungleichheit, Neid und Ungerechtigkeit im Zeichen der Freiheit und der Leistungsgesellschaft tragen Früchte. Was für so viele Generationen von US-Amerikanern für selbstverständlich galt und die Gemeinschaft gestärkt hat, ist inzwischen zu gefährlich.
Und dann ist der Horror unserer Tage Wirklichkeit geworden, hat alle Feierstimmung gedämpft. Wie beabsichtigt, nehme ich an. In Manhattan hat ein Anschlag stattgefunden. Acht Menschen, die genau wie Juliane und ich den herrlichen Herbsttag bei einem Spaziergang genossen haben, wurden ermordet. Und ich kann dazu nur schreiben, dass ich inzwischen erschöpft bin. Vielleicht hätte ich ein anderes Buch als Feierabendlektüre wählen sollen als Michel Houellebeqs „Unterwerfung.“ Ganz bestimmt hätte ich nicht die Kommentare auf Facebook lesen sollen, die schalen Witzchen und unpassenden Vergleiche. Und vor allem hätte ich nicht den Nachrichten über die Hintergründe des Attentats und der Reaktion Präsident Trumps zuhören sollen. Der Kongress soll demnächst über die Abschaffung der Greencard-Lotterie, der „diversity lottery“, abstimmen. Ich möchte hysterisch auflachen wie ein Besessener: Vielfältiger, bunter und bereichert sollte unsere westliche Kultur werden. Was wir bekommen haben sind Angst auf die Straße zu gehen, Grenzkontrollen im Schengen-Raum und Einwanderungsstopps in die Neue Welt. Fromm und keusch bleiben wir zuhause, schlucken unsere Werte hinunter, ballen die Fäuste in der Tasche und verhüllen unsere Sexualität. Aus Entdeckern und Eroberern sind Leisetreter geworden.
Gruselig und schauderhaft sind auch die Tagesdecken in US-amerikanischen Motels und Hotels. Niemals auf den Gedanken kommen, sich mit einem dieser jauchigen Lappen zuzudecken! Haut- bzw, Körperkontakt empfehle ich tunlichst zu vermeiden. Ein warnender Hinweis ist für den geübten Beobachter schon die Tatsache, dass diese kunststoffhaltigen und steifen Gewebe nur das untere Drittel oder Viertel des Bettes bedecken. Das rührt daher, dass sich US-Amerikaner unter Tags in Schuhen aufs Bett legen. Jedenfalls auf ein Hotelbett. Ein Schauermärchen, das mir mein seliger Großvater noch über „die Russen“ in ihren dreckigen Stiefeln erzählt hat. Die moderne Highheels- und Turnschuh-Variante ist unter anderem den reality shows des privaten US-Bildungsfernsehens zu entnehmen.
Im neu renovierten Badezimmer eines Motels hatte ich dann eine Begegnung der dritten Art mit einer fremden, aber legendären Spezies. Ich öffnete die Tür und drehte das Licht auf. Da saß sie mit aufgestellten Fühlern und schreckgeweiteten Facettenaugen: die Küchenschabe. Dass die Kleine ebenso, wenn nicht noch mehr, von meinem Anblick entsetzt gewesen ist wie ich von ihrem, war deutlich spürbar. Da stand ich nun, in aller Allmacht über Leben und Tod in meinen Hausschuhen vor ihr. Draufsteigen, oder nicht? Ich hatte weder Lust, dieses unschuldige Leben zu nehmen, noch eine Unzahl von unter den Flügeln mitgebrachten Nachkommen und potentiellen Rächern über den Fußboden zu verteilen. Die Kleine hatte mir nichts getan. Und dass sie in den üblichen Verstecken und Ritzen wohl keinen Platz mehr gefunden hatte, verhieß auch nichts Gutes. Schlafende Riesen soll man nicht wecken. Ich drehte also das Licht wieder ab. Wie erwartet traf ich meine Küchenschabe kurz darauf auf dem Flur. Das Laufen auf dem neu verlegten Laminat fiel ihr nicht leicht. Endlich verschwand sie via Sesselleiste ins Nachbarzimmer. Ich hoffe für sie, dass in den dunklen Ritzen und Spalten dort noch mehr Platz war. So etwas kommt eben raus, wenn man seine Wände aus Holz und Papier baut.
Und für alle, die das europäische Modell der öffentlich-rechtlichen Sender abschaffen möchten, noch ein zweckdienlicher Hinweis: Bei dem Versuch, mir „Treehouse of Horror XXVIII“ auf FOX anzusehen, musste ich fünf Werbeunterbrechungen mit jeweils vier bis maximal fünf Werbeclips über mich ergehen lassen. Und die sind länger und penetranter als in Europa, trust me. Bei all den angepriesenen Smartphones, Onlinebanking-Optionen und Versicherungen blieb die größte Herausforderung, der halbstündigen Handlung zu folgen.
Der ganz alltägliche Terror offenbarte sich vor jedem Arztbesuch. Hier lauert ein Wust von Organisation auf die Arglosen. Das Gesundheitssystem ist sauteuer, organisieren darf sich jede und jeder alles selbst. Zuerst checkt man sich selbst einen Termin, danach erfährt man, ob der Arzt mit der Krankenversicherung einen Vertrag hat. Davor liegen jedoch die Rechnung auf dem Tisch, und die Patienten auf dem Spannteppich. Kommt man dort, zu Füßen der Sprechstundenhilfe, langsam wieder zu sich und hat den Anblick der Kostenstellen verdaut, kommt das Bezahlen. Fachkundiges Personal hebt einen auf, dreht auf den Kopf und schüttelt die letzten Nickels, Dimes und Quarters aus den Taschen. Dann strauchelt man heimwärts und versucht, die Arzt- und/oder Behandlungskosten ersetzt zu bekommen. Viel Glück dabei!
Auf der Straße scheppern derweil liebevoll mit Aufklebern zusammengehaltene Rostlauben vorbei, aus deren Fenstern es dröhnt. Schallwellen rütteln an meinen Ohren, die wie Werkstattgeräusche und rhythmisches Keuchen und Grunzen klingen. Wohl um die Motor- und Auspuffschäden zu übertönen. Zunächst bin ich irritiert, dann erinnere ich mich, das soll Hip Hop sein. Hier sind alle Autofahrer sehr sportlich, auf Asphalt fährt die Mehrheit Slicks. Die gibt es beim Gebrauchtreifenhändler des Vertrauens zu erwerben. Der Einsatz profilloser Reifen verleiht einer Taxifahrt in strömendem Regen erst den letzten, erfrischenden Kick. Um sich das Elend der lizensierten Taxiunternehmen zu ersparen, bestellt man sich am besten einen Lohnsklaven – *Sorry!* – Uber. Als nächstes röhrt dann einer ohne Helm auf dem Motorrad vorbei. Er ist ja schon einundzwanzig und kann tun, was er will. Klar, wer keine Krankenversicherung hat, der braucht auch keinen Helm.

Last but not least habe ich meine erste „flash flood warning“ auf das Handy bekommen. Bei dem Alarmgeräusch mitten in der Nacht habe ich mir beinahe in die Hose gemacht. Zum Glück waren nur andere, tiefer gelegene Stadtteile von der Springflut direkt betroffen. So etwas wie „hard rain“ habe ich noch nicht erlebt. Tropisch anmutende Verhältnisse in Neuengland. Sturm und Regenfall, der innerhalb von Minuten die Kanalisation überfordert und Straßenzüge unter Wasser setzt. Die riesigen Bäume trotzten dem Wind, ohne größere Schäden. Aber in einem Holzhaus ist man auch bei Naturereignissen dieser Art nicht nur dabei, sondern mittendrin. Ich lag im Bett, starrte an die Decke und hörte den Regen peitschen, die Äste knarzen und den Sturmwind heulen. Das klang unheimlich und fremd, bis die oberen Nachbarn ihre Holzschuhe anzogen, und ich wieder ein warmes und heimeliges Gefühl bekam. Genug des Schreckens. Halloween ist vorbei.

Fortsetzung folgt...

Montag, 16. Oktober 2017

Arrogance and Stupidity – Ein wütender Kommentar zum Wahlergebnis

Dummheit hält sich für Intelligenz, Intelligenz hinterfragt stets die eigene Dummheit. Die Dummheit sucht den Fehler immer bei den Anderen, die Intelligenz immer bei sich selbst. So ungefähr hat es M. Tullius Cicero zu seiner Zeit auf den Punkt gebracht. Am Ende der römischen Republik, in der Morgensonne des Populismus und am Beginn der Diktatur. Er war zu seiner Zeit auch ein bescheidenes Gemüse (Cicero=Kichererbse), das Wahlerfolge errungen hatte und im Senat als politische Kontrollinstanz gegen Korruption und Machtmissbrauch gewirkt hat. Dieses Mal, am 15. Oktober 2017 in Österreich, war es allen Vorzeichen zum Trotz und allen bisherigen Hochrechnungen nach keine grüne Erbse, aber ein kleiner Pilz, der Wurzeln schlagen durfte.
Meiner Meinung nach ist es falsch, angesichts dieses Wahlergebnisses weiter von einem geteilten Land zu sprechen. Ich denke, das Ergebnis spricht für sich, und eine überwältigende Mehrheit hat sich für einen so genannten Rechtsruck entschieden und gegen so genannte linke Ideen. Im nächsten Nationalrat werden also nach aktuellem Stand eine konservative, eine heimat-soziale, eine wirtschaftsliberale Partei und eine junge Bewegung, geführt von einem erfahrenen Politiker, vertreten sein. Und eine Sozialdemokratie, von der eigentlich niemand mehr so wirklich weiß, vor allem nach einem Hrn. Schröder und einem Hrn. Hartz, auf welcher politischen Hemisphäre sie eigentlich steht. Die Sozialdemokratie wirkt wie der Markuslöwe (das Wappen der alten Republik Venedig), wie ein Mischwesen mit Klauen und Flügeln, das mit den Vorderpfoten auf dem Land und den Hinterfüßen auf dem Wasser steht. Dieses Tier läuft, fliegt und schwimmt überall und nirgends zugleich. Und es bleibt die Frage: „Sag, was bist Du eigentlich und was willst Du überhaupt?“ Im blendenden Licht der politischen Heilsbringer und parlamentarischen Vernunftehen scheint die Zeit für Fabelwesen endgültig vergangen.
Sieben Jahre später ist eine Situation eingetreten, die Gerd Schilddorfer und ich in unserem Bestseller NARR vorhergesagt haben (genrespezifisch überspitzt und dramatisiert), und ein junger fescher Minister hat alle anderen politischen Mitbewerber rechts überholt. Damals wurden wir von einigen belächelt, heute steht es weltweit in den Schlagzeilen. In einem anderen Buch von mir, das wohl niemals erscheinen wird, habe ich den Kater sogar noch konkreter vorhergesagt, der heute, am Morgen nach der Wahl, in meinem und in bestimmt vielen anderen Köpfen jammert:
„Die Schlange im Gras ist die Gefahr der individuellen Radikalisierung durch das Aufhalten in so genannten Filterblasen oder Echokammern. Mit dem Begriff Echokammer beschreiben Kommunikationswissenschaftler das Phänomen, dass viele Menschen in den sozialen Netzwerken dazu neigen, sich nur noch mit Gleichgesinnten zu umgeben, um sich gegenseitig in der eigenen Position zu bestärken. So entsteht eine fatale Dynamik. Wer den Konsens der Gruppe mit Inhalten und Kommentaren am besten trifft, wird ‚geteilt‘ und ‚gelikt‘ und bekommt reichlich Freundschaftsanfragen und Follower. Die Echokammer wächst und bläht sich zu dem Irrtum auf, sie repräsentiere keine gesellschaftliche Minderheit, sondern die demokratische Mehrheit. Es ist unwichtig, ob die Menschen außerhalb politische und gesellschaftliche Positionen teilen oder nicht. In der Echokammer ist man immer in der Mehrheit und automatisch auf der moralisch richtigen Seite. (…) Social Media jeder Art befördern diese Entwicklung. Indem sie mittels der aus freiwillig geteilten Informationen gewonnenen Algorithmen dafür sorgen, dass ich nur noch oder vorrangig Inhalte von meinem Browser angezeigt bekomme, die von Gleichgesinnten stammen oder von ihnen ‚gelikt‘ wurden. Informatiker nennen diesen Vorgang: Filterblase. Die Algorithmen-gestützte Filterblase sorgt dafür, dass ich nur noch mit Webinhalten und Content konfrontiert werde, die mein Weltbild stützen. Während andere, meinem Weltbild zuwiderlaufende Informationen herausgefiltert werden. So wird um den Nutzer sozialer Netzwerke ein bequemer Informationskokon gesponnen, in dem er als einzelnes Würmchen lebt, und den er für die Welt hält. Wie jede Münze hat auch diese Medaille zwei Seiten: Wohlbehütet kann ich in meiner eigenen Filterblase übersehen, wie aus der von mir belächelten Minderheit ganz unbemerkt die Mehrheit geworden ist. Meine Algorithmen lullen mich in Wohlgefallen ein, wiegen mich in Sicherheit. Und das Diskussionsforum meiner Wahl täuscht mich darüber hinweg. Und Eins, Zwei, Drei schreiten die von Volksvertretern und ‚Lügenpresse‘ Enttäuschten am zahlreichsten zu den Wahlurnen. Das wäre ein böses Erwachen am Morgen nach der Wahl. Aber wäre es Demokratie? Ob es mir in der aktuellen politischen Situation weltanschaulich schmeckt oder nicht, antwortet Jean-Jacques Rousseau in seinem Werk Der Gesellschaftsvertrag von 1762:
‚Übrigens darf ein Volk immer, worum es auch im einzelnen (!) gehen mag, seine Gesetze ändern, sogar die guten: Wer hätte das Recht, es daran zu hindern, wenn es sich nun einmal unbedingt schaden will?‘ [S. 70]“
Kurz gesagt: Das Aufhalten in einer Echokammer bewirkt Weltfremdheit. In dieser Weltfremdheit geborgen, trifft einem das gestrige Wahlergebnis wie eine Faust ins Gesicht. Und leider wurden auch schon die ersten tatsächlich angegriffen, auf Buchmessen und bei Wahlveranstaltungen.
Die Schuld an diesem Wahlergebnis nur bei den Anderen zu suchen ist dumm. Die Andersdenkenden als die Dummen zu betrachten ist arrogant. Und Dummheit und Arroganz sind eine gefährliche Mischung.
Viel zu viele selbsterklärte Linke haben bewiesen, dass sie von zu vielem zu wenig Ahnung haben, aber zu allem die „richtige“ Meinung. (Eine Eigenschaft, die sie mit vielen Rechten gemeinsam haben!) Das wiederum hat die Mehrheit der Menschen m.M.n. zu Recht als Beleidigung empfunden. Als disrespect wie der US-Amerikaner sagt. Persönliche Erfahrungsberichte wurden belächelt, vorweg abgelehnt, oder als „unpassend“ bezeichnet, weil sie nicht in die gewohnte Bestätigungsspirale gepasst haben. Berichte wurden als unwahrscheinlich abgetan, weil sie in der eigenen Lebensrealität keine Rolle spielten, daher auch keine Bedeutung hatten. Und bei all dem wurde übersehen, dass die eigene Lebensrealität, die einer privilegierten Minderheit ist. Privilegiert, weil sie die Möglichkeit beinhaltet, frei von Existenzängsten über Inhalte nachzudenken. Und nicht frei, aufgrund von Wohlstand, sondern aufgrund von Bildung. Aber leider ist Bildung nicht mit Wissen gleichzusetzen.
Im Elfenbeinturm der eigenen moralischen Überlegenheit haben leider viele aufgehört, ihren Mitmenschen zuzuhören und sie ernst zu nehmen. Kanon und Mehrstimmigkeit werden zunehmend als Misstöne empfunden, der Wunsch nach einem Leitmotiv wächst. Der Grundton, den die Stimmgabeln der Populisten anschlagen, ist klar: Die Europäische Union läuft Gefahr, in den Abgrund zu schlittern. Das größte Friedenswerk der europäischen Geschichte droht, an den Folgen einer für viele Systemkritiker aus Habgier entstandenen und für Ökonomen mit Gewissen vorhersehbar gewesenen Wirtschaftskrise zu zerschellen und von Flüchtlingsströmen fortgespült zu werden. Zäune und Grenzkontrollen nehmen der Freiheit die Luft zum Atmen. Überwunden geglaubte Ressentiments, Chauvinismus und banaler Futterneid bringen die gefährlichste Seuche des neunzehnten Jahrhunderts zurück, den Nationalismus. Wobei man nicht vergessen darf, was Sozialanthropologe David N. Gellner festgestellt hat: „Nationen entstehen ja nicht von allein, sondern werden erst durch Staaten und Nationalisten geschaffen.“ So genannte nationalkonservative Parteien erobern Raum, die fixe Idee Nation ist wieder salonfähig. Vergessen scheint, dass die Pandemie Nationalismus im Zuge ihres gewalttätigen Ausbruchs im zwanzigsten Jahrhundert in nur zehn Jahren (1914-18 und 1939-45) rund 95 Millionen Tote gefordert hat.
Politikverdrossenheit und Ohnmachtsgefühle bewirken bei vielen Mitmenschen einen Rückzug in die eigenen vier Wände (räumlich und geistig) und eine Realitätsflucht in fantastische Welten. Ist der eigene Planet alleine ökologisch nicht mehr in der Lage, die Menschheit zu ernähren und zu tragen, sucht und erschafft man sich halt neue. Und wenn sie auch nur als Bits und Bytes oder im Kopf existieren. Die Suche nach einfachen Antworten auf immer komplexer werdende Fragestellungen hat Hochkonjunktur. Orthodoxie und Dogmatik bieten sich als Lösung an, die Befolgung strenger Regeln und Glaubensätze bieten Sicherheit. Sei dies nun in Religion, Esoterik, Lifestyle und/oder Technologie- und Fortschrittsgläubigkeit. Sie alle sind bloß Facetten eines einzigen Schliffs. Konformität in Erscheinungsbild und Sitte wird wieder zum gesellschaftlichen Wert. Die vierte industrielle Revolution bedroht das gesellschaftliche und soziale Gleichgewicht. Arm und Reich driften zusehends auseinander. Migration trägt ihren Teil zum sozialen Unfrieden bei. Die wirtschaftliche Abhängigkeit, die Angst, Job und Anstellung zu verlieren, fördert eine Entwicklung, die als massiver und bedenklicher Rückfall in im Verlauf der letzten Jahrzehnte überwunden geglaubte Rollen- und Geschlechterklischees bezeichnet werden kann.
Viele Linke haben ihren Mitmenschen einfach nicht zugehört. Und als ich heute (am 16.10.2017) Terizija Stoisits im Mittagsjournal auf Ö1 zugehört habe, habe ich sie, als Antwort auf jede Frage des Interviewers nach den Gründen für das Scheitern der Grünen, Gebetsmühlenartig wiederholen gehört, „dass sie es sich einfach nicht vorstellen kann!“ Und egal, welche Worte auf diese Einleitung folgten, die eigentliche Beantwortung war bereits diese Realitätsverweigerung. Den größten Fehler sah sie darin, Peter Pilz nicht angegriffen zu haben. Falsch, der größte Fehler der Grünen in diesem Wahlkampf ist es gewesen, Julian Schmid anstelle von Peter Pilz auf Listenplatz Vier zu wählen. Wie auch das Wahlergebnis anschaulich macht, empfindet es nur eine verschwindende Minderheit als cool, im Kapuzenpullover vor den Nationalrat zu treten. Die Mehrheit, auch ich, empfindet es als Besudelung des Hohen Hauses und der Republik. Es schüttelt mich vor Ekel, wenn Themen und Grundfesten der Demokratie mit einer vulgären Imitation von Kabaretthumor angegangen werden. Wozu ich Michael Häupl zitieren möchte: „Wenn wir uns selbst nicht ernst nehmen, wer bitte soll uns dann noch ernst nehmen?“ Oder diese Republik?
In der Sozialdemokratie erscheint mir der Wiener Bürgermeister wie der letzte Mohikaner. Und er möge mir den flapsigen Vergleich vergeben. Für mich ist er der letzte Krieger eines einst edlen Stammes. Wo bitte, frage ich, existiert die „moderne und offene Gesellschaft“ real, die Christian Kern in seiner letzten Rede an- bzw. versprochen hat. Auf internationalen Konferenzen jedenfalls nicht. Dort behandeln Exilanten die international als österreichisch empfundenen Themen. Die Akademie der Wissenschaften bleibt auch im Ausland lieber unter sich, das internationale Feigenblatt stammt meistens ganz exotisch aus Deutschland. Das zuständige Bundesministerium nimmt jede Menge Geld in die Hand und drückt jedem und jeder KonferenzteilnehmerIn eine bunte Einladung in die Hand, aber wenn ich dann auf den Empfang gehe, dann redet niemand mit mir. Den Krüppel kann man ja in seinem Sessel hocken lassen. Aber nicht nur mit mir hat man nicht geredet. Liebe Landsleute, wenn man sich die Nachbarskinder zum Spielen einlädt, dann muss man ihnen auch die Hand geben und mit ihnen reden. Und während alle Internationalen (US-Amerikaner, Briten, Deutsche, Schweizer, etc…) Englisch sprechen, oder Hochdeutsch, damit sich auch wirklich jeder gegenseitig versteht, dann reden die ÖsterreicherInnen sozialdemokratischer Prägung breitesten Dialekt. Und wenn sie bemerken, dass da einer kommt, der sich ein bisschen anders anzieht und nicht an die Schöpfung Österreichs aus dem Nichts im 45iger-Jahr glaubt, dann erstarren sie und stecken die Köpfe zusammen. Ist das ihre „offene und moderne Gesellschaft“, Herr Kern? Es ist auf alle Fälle ihre (versorgte) Gefolgschaft.

Ich bedaure es zutiefst, dass die kleinen Oppositionsparteien so wenig Stimmen bekommen haben. Wenn alle, die vorab auf wahlkabine.at die meisten Übereinstimmungen mit der KPÖ gehabt hatten, diese auch guten Gewissens hätten wählen können, dann sähe die Welt für die Zweite Republik heute anders aus.

Sonntag, 15. Oktober 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 17)

Teil 17: Down in Dixie


Ich weiß wirklich nicht, warum Juliane und ich nicht einmal einfach irgendwo hinfahren können, ohne dass uns dabei die seltsamsten Dinge widerfahren. Diesmal habe ich die Gattin auf die GSA nach Atlanta, Georgia begleitet, und es war wieder einmal so weit. Inzwischen frage ich mich wirklich, welcher alte Chinese mich „zu einem interessanten Leben“ verflucht hat. Eigentlich bin ich ihr oder ihm dankbar. Was wusste ich bisher denn schon über Atlanta? Dass es im Bürgerkrieg komplett abgebrannt ist, und dass Coca Cola von da stammt.
Losgegangen ist es in aller Herrgottsfrühe am Tag unserer Abreise. Normalerweise kamen die bestellten Taxis verlässlich eine halbe Stunde zu spät. Nein, als der Morgen graute, und die Vögel in den Bäumen husteten, kam das Flughafentaxi zwanzig Minuten zu früh. Netterweise kündigte man sich per Textnachricht an, und wir waren beide schon gekämmt und bekleidet. Trotzdem erfolgte unser Aufbruch zum Hartford Bradley Airport (aka Hartford Springfield, ohne Spaß) etwas überstürzt, aber nicht kopflos. Es wäre auch niemandem geholfen gewesen, hätten wir ein Gepäckstück vergessen. Im schlimmsten Fall den Vortrag (Na Servus!). Oder ich wäre die Treppe auf die Frontveranda hinuntergekugelt. Nichts davon ist geschehen. Dafür anderes, aber davon wussten wir noch nichts.
Ich bin zum ersten Mal mit einem MacDonnell Douglas-Flugzeug geflogen, jedenfalls bewusst. Es war ein kurzer und entspannter Inlandsflug von zweieinhalb Stunden, von Wien aus wären wir wohl schon mindestens in Spanien gewesen. Gemessen an den Kolleginnen und anderen Konferenzteilnehmern, die Juliane am Gate getroffen hat, hätte man an einen Charterflug zur GSA denken können. Und mit der eher kleinen Maschine waren wir alle nicht nur dabei, sondern auch mittendrin im physikalischen Geschehen. Mir hat das ja gefallen, aber Juliane wurde beim Starten und Landen ein klein wenig blass um die Nase. Sie bevorzugt die wuchtigen Transatlantikflieger. Mehr Power! Ich bin dafür immer wieder überrascht, welche Überseekoffer manche Leutchen als Handgepäck mitführen. Die praktische Einbauküche im Rollkoffer, oder was? Wie dem auch sei, Ankunft in Atlanta. Alles planmäßig, und das Wetter erwartungsgemäß sonnig und heiter. Für meine europäischen Begriffe, sommerlich. 26 bis 28 Grad Celsius. Und unglaublich feucht. O ja, das war er, der Süden der USA, wie ich ihn aus meinen Jugendträumen kannte. Rein optisch hatte Atlanta, Georgia nichts mehr mit dem Klischee gemein. Atlanta ist der Heimathafen von Delta Airlines, und Atlanta ist wie schon im neunzehnten Jahrhundert ein Dreh- und Angelpunkt des Verkehrs. Wie die Narbe eines Rades, von dem die Speichen in alle Richtungen abgehen. Früher waren es die Eisenbahnlinien, heute sind es die Flugrouten. Den Eisenbahnknotenpunkt hatten General Sherman und die Unionsarmee abgefackelt, aber der heutige Flughafen ist gigantisch. Hartsfield–Jackson Atlanta International Airport hat zwei Terminals (Inland und International), sieben Abflughallen und beschäftigt rund 70.000 Menschen. Um zum Gepäckband zu gelangen, mussten wir einen Zug nehmen. Zum Glück wurde ich im Rollstuhl gefahren. Andernfalls würde ich dort wahrscheinlich immer noch herumirren.
Von dem Atlanta meiner Träume war nichts mehr übrig. Ich wusste, dass es in Rauch aufgegangen war. Die Stadt, die uns empfing, hatte nichts mehr mit dem historischen Zentrum zu tun. Vom Highway landeten wir direkt in Downtown an. Im Schatten der für die US-amerikanischen Innenstädte typischen Hotelschluchten. Wir waren nur eine Parallelstraße vom eigentlichen Stadtzentrum entfernt, unser Motel 6 lag auf derselben Straße wie das Hilton, das Marriott und das Sheraton, wo die GSA stattfand, aber es fühlte sich wieder einmal nicht so an. Die ersten vom Straßenniveau einsehbaren Stockwerke der benachbarten Häuser waren allesamt Parkgaragen. Der Asphalt der Gehsteige war beulig und brüchig. Pionierpflanzen sprießten aus Sprüngen und Fundamenten. Zwischen den öffentlichen Kunstwerken schliefen die Obdachlosen. Oder sie irrten zwischen den Hotels, den Parkplätzen und Autovermietungen herum. Die Anrainer scherten sich so wenig um sie, dass sie nicht einmal vertrieben wurden. Da telefonierte ein Yuppie vor dem Hilton, keine zwei Meter daneben vertickten fragwürdige Gestalten noch weit fragwürdigere Substanzen. Und ein aufpolierter SUV reihte sich an den nächsten in der Auffahrt zum Valet-Parking. Eine gewaltige Laufbahn auf Stelzen verband die Parkgarage mit dem Peachtree Center in der Parallelstraße, um jeden ungewollten Kontakt mit dem öffentlichen Raum zu vermeiden. Und daran schloss sich eine weitere Beobachtung an: Ich weiß, Uber ist cool. Aber die meisten, vor allem Weiße, benutzen den spottbilligen Fahrtendienst, um den öffentlichen Nahverkehr zu vermeiden. Öffentliche Verkehrsmittel sind für Farbige und Latinos. Für diejenigen, die die schöne Welt mit Aircondition am Laufen halten. Genau wie vor 150 Jahren.
Nachdem sich Juliane im Sheraton für die GSA registriert hatte, sind wir ins Hard Rock Café gegangen. Das war schon eine feine Sache, zwischen all den Reliquien internationaler Musikgrößen seinen Cheeseburger und ein Bier zu genießen. Und ich habe gelernt, dass die Hard Rock Cafés inzwischen den US-amerikanischen Natives gehören, nämlich dem Seminole Tribe of Florida. Nach dem Essen gingen Juliane und ich getrennte Wege. Juliane hatte ihren ersten Termin. Tatsächlich sind in Downtown Atlanta vergleichsweise viele Menschen zu Fuß unterwegs. Das verleiht der Stadt ein sicheres Gefühl. Aber sobald die Passanten verebben, machte sich in mir ein seltsames Aufpassen breit. Eine Alarmbereitschaft, die ich vom nächtlichen Nachhause Gehen in Wien Favoriten nur allzu gut kenne. Als Behinderter am Stock wäre ich auch leichte Beute. Und wirklich, als ich alleine ins Motel gegangen bin, hat mich auch schon einer von den homeless people angequatscht. Ich wollte mich nicht wie ein Arschloch aufführen, aber der benahm sich genau wie aus dem Lehrbuch des kriminalpolizeilichen Dienstes: Überfreundlich, und er wollte gleich Händeschütteln und Umarmen. Nein, mein Freund, das zieht bei mir nicht. Zum Glück war ich nur ein paar Schritte vom Grundstück unseres Motels entfernt. Es mag brutal klingen, aber wenn man Menschen zwingt, unter solch menschenunwürdigen Umständen zu leben, verhalten sie sich eben irgendwann wie Raubtiere.
Während Juliane und ich dann im Bett in unserem Motelzimmer lagen, fiel die Aircondition aus. Und nicht nur die, das ganze Haus war ohne Strom. Ein Auto war in den Pfosten mit der Strom- und Telefonleitung gekracht. Ich hörte die Telefonate des Rezeptionisten mit aufgeregten Hotelgästen und den Stadtwerken. Der Strom konnte in ein paar Stunden wiederhergestellt werden, aber das WLAN war für ein bis zwei Tage beim Teufel. Auf dem Parkplatz vor dem Motel gingen die Lichter in den abgestellten Autos an. Juliane war nicht die einzige GSA-Teilnehmerin im Haus. Und viele mussten noch ihre Texte für die Arbeitsgruppen überarbeiten oder lesen.
Am nächsten Tag die freudige Nachricht: Der dritte Hurrikan in kürzester Zeit machte sich bereit, auf das Festland der USA zu treffen. Nate steuerte direkt auf Atlanta zu. Aber es war eh völlig wurscht, wo Juliane und ich gerade waren, würde Nate nämlich seinen Kurs halten, traf er auch Boston. Nates eintreffen wurde von CNN auf Sonntagnachmittag vorhergesagt. Und die mussten es wissen, die haben ihre Zentrale in Atlanta. Und sie hatten völlig Recht. Sonntagnachmittags war Nate bei uns. Als Tropensturm und absolut mieser Laune. Es hat geschüttet, die Wolken hingen tief und es war stockdunkel draußen. Juliane musste durch knöcheltiefes Wasser ins Sheraton auf die Konferenz und wieder zurück. Am Abend in der Lobby reihten sich Essenslieferant an Essenslieferant, weil niemand von den Gästen das Haus verlassen wollte. Die armen Zusteller. Aber die Pizza schmeckte mir großartig. Überhaupt war Atlanta kulinarisch der Bringer. Abends zuvor aßen wir mit einem Freund im Ponce City Market, und abends zuvor mit einer Kollegin von Juliane im Trader Vic´s, einem coolen hawaiianischen Restaurant, das es immerhin seit 42 Jahren gibt.
Nate hatte uns einen ganzen Tag Sightseeing gekostet. Aber weil wir beim Flugbuchen am und pm verwechselt hatten, ging unser Flug nachhause nicht mittags, sondern quasi mitten in der Nacht. Was uns erst geärgert hatte, war jetzt ein Glück. Ich wollte zwei Dinge in Atlanta unbedingt sehen: Das Martin Luther King Memorial und das Margret Mitchell House. Für mich heute die zwei Seiten einer Münze, nämlich des alten Südens. Es hat zwar immer noch geregnet. Und das Besucherzentrum im Martin Luther King Memorial hatte geschlossen, so dass Juliane unser Gepäck mitschleppen musste. Das war ärgerlich und für sie sehr anstrengend, weil wir uns natürlich die Ebenezer Baptist Church, das historische Feuerwehrhaus und das Haus der Kings ansehen wollten. Wir haben alle drei geschafft. Für mich etwas irritierend, weil mensch liebt ja das Klischee: Das Martin Luther King Memorial gehört zu den Nationalparks. Ergo dessen sind die Mehrheit der Angestellten Ranger. Und Weiße, noch dazu in Uniform. Das kam ordentlich schräg bei mir an. Was mich geärgert und Juliane gekränkt hat war, das einige der schwarzen Angestellten unglaublich unfreundlich zu Juliane gewesen sind. Und immer nur dann, wenn ich nicht in der Nähe gewesen bin. War es, weil sie weiß und blond war und mit deutschem Akzent sprach? Ich weiß es nicht. Denkbar wäre es. Mich hat auf der Suche nach einem Restaurant, um die Wartezeit bis zur Führung im Geburtshaus zu überbrücken, ein Obdachloser gefragt, ob er mir seine „Bälle“ zeigen soll. Nein, danke, das Angebot habe ich höflich ignoriert. Die Gegend rund um die historischen Stätten sah überhaupt aus, dass wir uns zunächst gefragt haben, wo zum Teufel sind wir da bloß gelandet? Die Graffitis internationaler Street Art-Größen (unter anderem der gebürtige Steirer Nychos) an den Feuerwänden verrieten aber, dass das Viertel hipp sein musste. Auch die überaus netten vollbärtigen und tätowierten Jungs, die uns unseren Lunch machten und servierten, sprachen dafür. Ich komme mit den sozialen Widersprüchen in diesem Land nur schwer klar.
Die Führung im Geburtshaus hat ein blinder weißer Ranger gemacht. Und seine Performance war in jeder Hinsicht bemerkenswert. Zum einen hat er mit schauspielerischer Grandezza jedem Mitglied der Familie King eine eigene Stimme gegeben und damit dem Ort Leben eingehaucht, zum anderen hat er es geschafft, den Spirit der Bewegung zu vermitteln und Äußerlichkeiten und Unterschiede vergessen zu machen. Auf jeden Fall für den Moment, und hoffentlich auch langfristiger.
Im Martin Luther King Memorial habe ich zum ersten Mal die Worte von Martin Luther King junior (1929-1968) wirklich vernommen. Ich habe selten so eine Kraft und Klarheit gespürt. Ich habe schon Biographien von Menschen gehört, die überzeugte Atheisten geworden sind, weil sie als Jugendliche eine schlechte Predigt von einem (alten) Trottel gehört haben. Hier, in der Ebenezer Baptist Church, hat ein Mann gepredigt, der mit seinem Mut die USA verändert hat. Und mit seinen Worten aus Mitläufern Bürgerrechtler gemacht hat.
Und um das Kontrastprogramm voll zu machen, im Margaret Mitchell House geleitete uns eine souveräne und gebildete alte Afroamerikanerin durch das Leben und das Apartment der Autorin von „Vom Winde verweht“. Nach dem bürgerlichen Haus der Kings und vor allem nach der Villa Mark Twains war ich überrascht, dass die Autorin des Megabestsellers und Filmklassikers mit ihrem zweiten Mann in einem Zweizimmerapartment gewohnt hat. Die Wohnung hatte etwas von einem Wiener Gemeindebau in den Zwanzigerjahren. Überhaupt stimmte es mich bedenklich, wie vielfältig Menschen in ihren Ansichten sein können. Margaret Mitchell (1900-1949) war eine überzeugte Feministin, brach mit gesellschaftlichen Konventionen, arbeitete als Reporterin, war einmal geschieden und trat vehement für das Stimmrecht von Frauen ein. Aber sie wollte den Raum nicht mit Afroamerikanern teilen.
Obwohl Clark Gable dagegen protestiert hatte, durften die schwarzen Darsteller nicht an der Filmpremiere von „Gone with the Wind“ in Atlanta teilnehmen. Man befürchtete Unruhen. Das war 1939. Der Darsteller des Ashley Wilkes, Leslie Howard, war auch nicht dabei, er wurde 1943 von der deutschen Luftwaffe abgeschossen.
Ich habe die großmütterliche Dame, die uns geführt hat, auf den Rassismus in „Vom Winde verweht“ angesprochen. Ihre Antwort war beeindruckend. Margret Mitchell war in einem Umfeld aufgewachsen, in dem der alte Süden noch am Leben war, und der Bürgerkrieg das tägliche Gesprächsthema in der Familie. Mitchell erfuhr überhaupt erst viel später, dass die Konföderation den Krieg verloren hatte. Sie lebte und schrieb über ihre Kultur, und das war der historische Süden. Für diese klare Analyse verdiente die alte Dame meinen Respekt. Martin Luther King angewandt. Ich kann das Verhalten Margaret Mitchells dank ihr nachempfinden. Das Trauma des Kriegsendes wurde in meiner Familie auch an die späteren Generationen weitergegeben. An mich jedenfalls. Ich habe zuerst Heimatverlust und Opferrolle gelernt, die historische Täterschaft musste ich mir erst erarbeiten. Und das Runterbeten von Fakten im Geschichtsunterricht war dabei eher kontraproduktiv. Das zeigt sich ja leider auch in den aktuellen Wahlergebnissen.
Obwohl das Wetter nach wie vor bescheiden war, wurde unser Heimflug nicht vom Winde verweht.
Diejenigen, die panisch ihren Heimflug vorverlegt hatten, hatten da oft weniger Glück. Bei uns lief alles glatt. Naja, bis auf die Tatsache, dass unser Koffer in Hartford nicht auf dem Gepäckband erschien. Das stimmte meine müde Gattin ein wenig ungeschmeidig. Indes, das gute Stück hatte einen Flug vorher genommen und wartete schon längst vor dem Büro des Special Service auf uns. Das wusste wiederum der nette junge, natürlich hispanische Mann, der meinen Rollstuhl schob.
Nach diesem erfrischenden Zwischenspiel ging es rasch über den nächtlichen Highway nachhause. Nate war auch schon da, die Wolken hingen tief und es war heiß und feucht. Trotzdem: Seltsam, wie schnell man sich zuhause fühlt. Ich spürte ein sehr warmes und vertrautes Gefühl, als ich die Hügel, die Bäume und die Orte Neuenglands vor dem Seitenfenster vorbeiziehen sah. Schaute ganz anders als das flache Georgia aus. In der Küche dann die große Überraschung: Wir hatten bei unserer eiligen Abreise vergessen, die Milch zurück in den Kühlschrank zu stellen. Eine ganze Gallone war grün geworden. Die sich breitmachende Pilzkultur schien kurz davor zu stehen, eine Schrift zu entwickeln. Aber der Müdigkeit gedankt, es war uns völlig wurscht, und wir sind ins Bett gefallen.


Fortsetzung folgt…