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Sonntag, 20. Mai 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 31)


Teil 31: Kommen und Gehen


In Yale steht das 317th Commencement vor der Tür. Die Graduierungsfeiern werden am Pfingstmontag stattfinden. Stadt und Universität füllen sich mit Eltern und Personen in schwarzen Talaren. Die Graduierung scheint eine der zwei Lebensgelegenheiten zu sein, an denen sich US-Amerikaner fein machen. Die eigene Beerdigung nicht eingerechnet. Bun (Haarknoten), Frotteesocken, Schlabberpulli und kurze Hosen sind Fönfrisur, Anzug und High heels gewichen. Während sich die Dormitorys leeren (die Wohncolleges), schwellen stolz die Elternbrüste. Die Undergraduates fahren heim, Auszuzeichnende und Gratulanten scharen sich, das Semester ist zu Ende.
Das Ende der Regenfälle zu verkünden war dagegen leider ein wenig verfrüht. Die Tage des Dauerregens wechseln sich rhythmisch mit den Frühlingsgewittern ab. Die Temperaturen pendeln von kühl nach heiß und wieder zurück, was nicht nur atmosphärische Entladungen zur Folge hat. Auch die Gelenke und das Genick sind verspannt. Quasi über Nacht waren alle Bäume, Sträucher und Hecken grün. Der Anblick dieser hoffnungsfrohen und lebensbejahenden Farbe lässt alles Wintergrau und -braun vergessen. Wie fortgewischt ist die Erinnerung an alles Trostlose und Leichenblasse. Es fühlt sich an, als wären Kälte und Dunkelheit niemals geschehen. Glücklich ist, wer vergisst.
Die Baumblüte ist nach wie vor beeindruckend. Die Farben verlaufen vom sprichwörtlichen Blütenweiß ins Pink bzw. Magenta, weiter ins Magentarot, und von da bis tief ins Blauviolett. In den Gärten der eleganten Häuser im Kolonialen und Viktorianischen Stil rings um das Büro meiner Therapeutin gedeihen mit den Neurosen auch die prächtigsten Pflanzen. Die umsichtigen Gärtner pflanzten sie in Etagen, so dass seit den Veilchen, Schneeglöckchen, Krokussen und Narzissen immer eine neue Gruppe Blühpflanzen zu bewundern und zu schnuppern ist. Schade, dass ich als Patient bzw. Besucher dieser Wohngegend mehr von dieser Pracht habe als ihre Besitzer. Die sind nämlich nie zuhause, oder nur selten. Und wenn, dann wohl nur abends. Die Menschen, die ich hier unter Tags treffe, sind Haushälterinnen, Paketzusteller, Therapeut*innen und ihre Patient*innen. Gelegentlich mischt sich auch mal eine Gattin mit kleinem Hund in unsere illustre Runde.
Wenn ich mit Juliane aus diesem Viertel zurück auf den Science Hill spaziere, ertappe ich mich gelegentlich dabei wie ich vor einem der Bäume stehenbleibe und minutenlang in die Blüten und auf die dazwischen herumsummenden Insekten schaue. Da kommt es schon mal vor, dass ein Student an mir vorbei eilt, kurz innehält und amüsiert schmunzelt. Es sind meistens junge Männer. Sie wirken erst belustigt, dann sofort wieder gehetzt. Sie laufen weiter. Etwas später treffe ich sie wieder, z.B. in der Warteschlange bei den Food Trucks an der Eisporthalle oder vor einem Hörsaal, den Blick starr auf das Smartphone in ihrer Hand geheftet. Das erinnert mich dann wiederum an jemanden, der mich mal ziemlich angefressen angepflaumt hat, dass er ganz sicher nicht ignorant wäre, wenn er in einem Baum „halt nur einen Baum“ sah. Derselbe Mensch erzählt inzwischen jeder und jedem, die es hören wollen oder auch nicht, dass er „mit den Augen eines staunenden Kindes“ durch die Welt streift. Gusto und Ohrfeigen sind halt verschieden.
Dieselben umsichtigen Gärtner, die die Gärten jener edlen Wohngegend bepflanzten, kümmerten sich mit der derselben saisonalen Umsicht auch um die Beete und Rabatten vor den Dormitorys. Die Tulpen, Märzenbecher und Narzissen sind pünktlich verblüht. Nachsprießen tut indes nichts. Die zahlenden Küken haben jahreszeitlich bedingt das Nest verlassen, und wie der Campus für uns andere Vögel aussieht ist egal. Für Anrainer und Angestellte braucht es keine Blumen. Uns bleiben ja noch die Bäume und die imposante Architektur.
Die gewaltigen gotischen Hallen, die neben sich alle Prachtbauten jedes mittelalterlichen Potentaten wie Bauernkaten aussehen lassen, haben sich dieser Tage bestens bewährt. Ich war jedenfalls froh, Juliane in den ehrwürdigen Hallen der Sterling Library zu wissen, während mein Handy und alle anderen Mobiltelefone der Stadt laut Alarm quäkten. Die Regierung verschickte eine Tornadowarnung. In wenigen Minuten wurde der sonnenhelle Nachmittag stockfinster. In Windeseile bedeckten dunkle tief hängende Wolkenbänke den Himmel. Der kurz darauf einsetzende Gewittersturm brachte unser Holzhaus ins Ächzen und Schwanken, und die Mülltonnen der Nachbarschaft zum Fliegen. Bäume stürzten auf Häuser, Autos und Stromleitungen. Ein paar weniger privilegierte Viertel waren zwei Tage lang ohne Strom. In der Bibliothek fühlte sich das alles wie ein lauer Wind an. Das Ausmaß der Verheerung wurde Juliane erst beim Verlassen der Wissenskathedrale sichtbar. Der Abendhimmel nach Thors nachmittäglichem Hammerschwingen zeigte sich wiederum in Farben, die ich noch nirgends zuvor gesehen hatte. Umrandet von starkem Anthrazit glühte ein Streifen aus Blau, Silbergrau und Magenta vor dem Horizont. Den Eindruck muss man sich zusammen mit dem Geruch von nassem Asphalt und aus Wiesen und Bäumen aufsteigendem Dunst vorstellen.
Und zwischen all dem Chaos lag eine elektrische Heckenschere in der Wiese gegenüber im Botanischen Garten. Sie liegt immer noch dort. Gelb, gut sichtbar und seit Tagen im anhaltenden Dauerregen. Ich nehme bösartig an, dass sie von Student*innen für ein Selfie oder ein Youtube-Video aus dem Werkzeugschrank geholt und danach einfach an Ort und Stelle liegenlassen und vergessen worden ist. Bemerkbare Arbeiten wurden nicht damit verrichtet. Der kahlköpfige Herr im Feinrippunterhemd wird sich freuen, der so unverkennbar osteuropäisch wirkt und sich tatsächlich um den Garten und seine Glashäuser kümmert. Die Heckenschere ist meiner Meinung nach inzwischen verschieden. Und dabei gilt hier das Klischee als Wahrheit, dass alle Dinge im Kommunismus kaputt gegangen sind, weil sie niemanden gehörten.
Wenn Juliane in einem Gespräch erwähnt, dass sie im Kommunismus aufgewachsen ist, nämlich in den letzten Zügen der DDR, bekommen zuhörende junge Frauen große Augen und ausgewachsene Mannsbilder erblassen. Ähnlich verblüffte Blicke zieht umgekehrt ihr entsetztes Gesicht auf sich, wenn sich das Seitenfenster eines geparkten Autos öffnet, und eine Hand den Müll einfach auf den Gehsteig wirft. Und genau dieses erstaunte Reagieren der Leute ringsum auf ihre erschreckte Reaktion (und nicht auf die Respektlosigkeit und Verschmutzung) ist meiner Meinung nach der Grund, warum es hierzulande niemand nirgends schön haben kann. Außer in Disneyland. Und der Restmüll den alles erklärenden Namen „Landfiller“ bekommen hat (dt.: Landschaftsfüller).
Auch die örtliche Eigenart barfuß nach draußen, auf die Straße oder zu den Mülltonnen zu gehen, ist eine Lebensrealität, mit deren Datenverarbeitung ich mir schwer tue. Nichtsdestotrotz ist es gängige Praxis, ob ich dieses Verhalten unserer Nachbar*innen verstehe oder nicht. Ich will mir gar nicht vorstellen, welchen Schmutz und wie viele garstige Keime ich mir so auf die Fußsohlen und in meinen innersten Wohnbereich hole. Und mich quälen auch wieder andere trübe Gedanken: Besorgt trete ich ans Fenster und betrachte die leeren Garagen in unserem Hinterhof. Nachdem ein Universitätsjahr vergangen ist, haben auch zwei unserer Mitbewohner sowohl Yale als auch unser Haus verlassen. Darunter auch der nette Junge aus Tennessee, dem wir unseren Stellplatz abgetreten haben. Sein Auto hat er natürlich mitgenommen. Und ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis die unter den hiesigen Youngstern herrschende „Alles gehört jedem, darum zernutze ich alles“-Einstellung wieder schlagend wird, und irgendwelche Nachbarn ohne die Miete dafür zu bezahlen ihre Autos unter unserem Dach abstellen. Würden sich diese Kids auf ihrem Weg durch die Welt nicht gebärden wie die Heuschreckenschwärme und allerorts unbewohnbare Wüsteneien hinterlassen, hätte ich auch gar nichts dagegen. Ich bin leider nicht in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass eine Consuela oder ein Jose ständig hinter mir herräumt, oder dass, wenn ich etwas demoliere oder verliere, es von den Eltern sofort ersetzt wird. Und hier angelangt und meiner selbst wieder bewusst, frage ich mich, ob ich langsam zum grantigen alten Furz degeneriere. Aber tatsächlich schließt sich genau an dieser Stelle der Kreis zur verlassenen Heckenschere in der Wiese.

Fortsetzung folgt...



Freitag, 4. Mai 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 30)


Teil 30: Be careful what you wish…

Careful what you wish
You may regret it
Careful what you wish
You just might get it
… ist nicht nur eine passende Textpassage aus einem Metallica-Song (King Nothing, 1996), sondern auch ein erwiesenes Sprichwort: Pass auf, was Du dir wünscht, Du könntest es bekommen (und bereuen). Nicht nur die Dschinn im Märchen verführen und täuschen ihre Opfer, sich um Kopf und Kragen zu wünschen. Allzu oft trügt der schöne Schein, und dann haben wir den Salat.
Vor wenigen Tagen war noch Winter in New Haven, ein paar Nächte später herrschte schon Hochsommer. Vorgestern noch regennasses und dämmriges Zwielicht, heute schon tropenfeucht und sonnendurchflutet. Am Beginn des vierten Monats dieses Jahres brachen die Brunnen der Tiefe auf und öffneten sich die Fenster des Himmels über Neu-England. Und ein Regen kam über Connecticut vierzehn Tage und vierzehn Nächte. Kaum war die Flut versickert, stieg die Sonne hoch auf den Zenit, sprossen die Blumen und die Bäume blühten. Und wir schwitzten im Schatten ihrer Äste wie unsere Vorfahren und alle anderen mächtigen Affen. Die heiße Brise trieb die trockenen weißen Blütenblätter über die Straßenkreuzungen wie noch vor kurzem die Schneewehen. Dabei hatten wir uns bloß angenehmes Übergangswetter gewünscht, so um die 20 Grad Celsius. Doch die Frühjahrsgarderobe meiner Zwanziger ist nur noch eine Erinnerung. In meinen Vierzigern wechsle ich direkt vom Wintermantel in die Bermuda. Und aus der langen Unterhose in die Zinkcreme. Wie in jeder Reisebeschreibung, die ich jemals von Europäern über die Neue Welt gelesen habe, sind die Winter hart, das Frühjahr feucht, die Sommer heiß und die Entzündungen wund. Zum Abend ziehen sich Stürme über dem Meer zusammen, deren Wolken geschwind die Sonne verfinstern. Die Böen peitschen einem den Regen ins Gesicht. Mitten in der eigenen Wohnung, direkt vor dem Badezimmer. Quer durchs benachbarte Zimmer, durch das offene Fenster und das Fliegengitter, an der zum Trocknen aufgehängten Wäsche vorbei. Und weil das alles schon einmal geschehen war, im April 1800 von der Wissenschaft ganz ähnliche Temperaturen gemessen worden waren, konnte dies alles nur natürlichen Ursprungs sein, meinen die üblichen Verdächtigen. Folgerichtiger Beweis für einen ganz normalen Prozess. Für den es in der Vergangenheit zwar nur einen beispielhaften und dokumentierten Einzelfall gab, der sich inzwischen aber jährlich wiederholte. Aber es wurde dieser Tage in allen Bereichen des Lebens eine bemerkenswerte Eigenschaft von bedauerlichen und lässlichen Einzelfällen, dass sie mehr und mehr dem Gesetz der Serie folgen wollten.
Ganz New Haven schien auf der Straße. Die Gehsteige zwischen den Colleges und Unigebäuden ähnelten Ameisenstraßen. Alle Welt war auf den Beinen. Die Sonne brachte uns an den Tag. Was schon bemerkenswert war, da sich das Leben in den USA normalerweise nicht unter freiem Himmel, sondern zwischen vier Wänden und mit Klimaanlage abspielte. Das Konzept Schanigarten hat sich hierzulande trotz Wärme und Blütenpracht nicht durchgesetzt. Einen Gastgarten nach europäischen Verständnis suchte ich bisher in ganz New Haven vergebens. Dabei würde ich mich gerne zu einer Tasse Kaffee oder einem Glas Bier hinsetzen. Wenn ich das erleben möchte, in gepflegter Umgebung im Freien sitzen, muss ich nach Disneyland. So lautete der Rat der meisten US-Amerikaner. Dort gibt es neben der von Mäusen, Prinzessinnen und Enten bevölkerten Welt aus Pappmaschee auch eine Zone für die Erwachsenen. Mit französischen Straßencafés und ohne Müll in den Beeten und Rabatten wie sonst überall. Walt Disneys Geschäftsmodell des familienfreundlichen Vergnügungsparks funktioniert auch noch im 21igsten Jahrhundert bestens.
Es erscheint völlig logisch, eher in einen anderen Bundesstaat und in ein Ressort zu fliegen, als daheim einen Besen in die Hand zu nehmen, den Gehsteig zu kehren und ein paar Tische und Sessel vor sein Lokal zu stellen. Aber richtig, bevor ich dort meine Gäste unbehelligt bewirten könnte, müssten grundlegendere Probleme angesprochen und gelöst werden. Dann schon lieber in einem künstlichen Paradies seine „Freiheit“ kaufen, als das allgegenwärtige Diesseits etwas gerechter zu gestalten. Die Zeit steht still, solange die Kreditkarte tickt. Der Glaube versetzt Berge! Nichts hinterfragen. Reflektion ist rückwärtsgerichtet. Und das einzige, das zählt, ist der technische und wirtschaftliche Fortschritt.
Thomas Paine (1737-1809), politischer Intellektueller und einer der Gründungsväter der USA, klassifizierte das seinerzeitige ancien régime, die traditionelle Erbmonarchie, als ein „entirely fictive system of government and society“ („komplett erdichtetes System von Regierung und Gesellschaft“) und „entirely the creature of imagination“ („zur Gänze die Kreatur der Einbildung.“) Mit anderen Worten, was und wen wir, die Untertanen, zu kennen und wahrzunehmen glauben, ist nichts anderes als Fantasie und Mummenschanz. Mithilfe einer in den Medien bewusst gewählten language of sentiment (Sprache der Rührseligkeit) werden Gefühle für und mit dem Königshaus geweckt. Besonders im Zusammenhang mit Schicksalsschlägen wie Unfällen oder Krankheit. Mit dieser besonderen Sprache wird die Bevölkerung ermuntert, sich ihre Beziehung zu dem Monarchen und seiner Familie als vertraut, gefühlsbezogen und persönlich vorzustellen. Auf diese Weise wird es zum Beispiel zur Gewohnheit, Angehörige der Herrscherfamilie nur mit dem Vornamen zu benennen als handele es sich bei ihnen um enge Freunde oder Bekannte. So sehr sind sie (bzw. unsere Vorstellung von ihnen) schon Anteil unseres täglichen Lebens. Mit dem vocabulary of loyalism (Wortschatz der Treue) wurde und wird das Volk an die königliche Familie und die Institutionen der Monarchie gebunden.
Und das System hat sich vielfältig bewährt. Hand aufs Herz, wie oft adressiere ich in Gedanken den einen besonderen Sportler, oder die eine tolle Musikerin nur mit ihrem Vornamen?
In den 1830ern und 1840ern gelang der jungen britischen Königin Victoria mithilfe ihrer Allgegenwart in der Reportage und als Bild der Meisterkniff. Sie fügte den klassischen Motiven des Königtums erstmals eine bis heute funktionierende Dimension hinzu: Victoria und ihr Ehemann Albert entwickelten das Gottesgnadentum weiter zum Medienevent. Nirgends, außer bei einer (von der scheinbaren Dummheit des einfachen Mannes frustrierten) politischen Minderheit, herrschte das Empfinden eines ancien régime. Im Gegenteil: Die öffentlich repräsentierte und repräsentable jungfräuliche Königin verkörperte die Hoffnung auf die Zukunft. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Wie volksnah und sympathisch werden Parteiobmänner, Spitzenkandidatinnen, angebliche Wunderwuzzis und sonstige Führer politischer Bewegungen von modernen Medien an den Mann und an die Frau gebracht? Das Resultat: Der Grad der Glaubwürdigkeit verhält sich zum Sympathiewert ausgeglichen. Oder anders gesagt: Den ich mag, dem glaube ich. Populismus ist nur ein anderes Wort dafür.
Seit Victoria, Albert und ihrer Medien-Revolution war der Staatskörper auf moderne Weise virtuell geworden. Und damit zunehmend zerbrechlicher und flüchtiger. Es reichten fortan keine prachtvollen Zeremonien, Staatsporträts und Grabfiguren mehr, um das Übermenschliche des Herrschers und all dessen, was er durch Gott und sein Recht repräsentierte, sichtbar zu machen. Illusion und Vorstellung mussten lebendig gehalten werden. Das Idol musste gefüttert werden. Nicht mehr buchstäblich wie in heidnischen Götter- und Ahnenkulten, aber im übertragenen Sinn. Ruf und Echo der Monarchie wurden nicht länger von den Hymnen und Chorälen in den Kathedralen angestimmt, sondern durch das Zwitschern und Rauschen im Blätterwald. Egal, was die Leute über dich redeten, Hauptsache, sie taten es. Idealerweise verbreiteten Journalisten und Illustratoren fortlaufend Positives. Die königliche Familie war zwar noch weit davon entfernt, über eine selbstgeschneiderte Berichterstattung zu verfügen, aber sie bemühte sich von Anfang an um eine angemessene.
Das Amt des US-Präsidenten verfügt über eine verfassungsrechtliche Machtfülle wie ein europäischer Fürst im achtzehnten Jahrhundert. Die bis dato vorhandene Ähnlichkeit der Wahrnehmung und Repräsentanz des gewählten Staatsoberhauptes mit gekrönten aus Geschichte und Gegenwart ist augenfällig. Wie ausgeprägt diese Parallelen sind, belegt ein Beispiel aus dem US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016:
Der Hobbyfotograf Zdenek Gazda hat am 11. September 2016 nach einer Gedenkfeier am Ground Zero gefilmt, wie die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton aufgrund eines Schwächeanfalls die Balance und scheinbar das Bewusstsein verloren hat. Sie musste gestützt und von ihren Personenschützern in einen schwarzen Wagen gehoben werden. Das Video von Hillary Clintons Schwächeanfall in New York verbreitete sich innerhalb von Stunden via Internet rund um die Welt. Zum Zeitpunkt ihres Zusammenbruchs im Zentrum Manhattans war keine einzige Fernsehkamera in ihrer Nähe. Nur Zdenek Gazda hat reflexartig mit der Kamera draufgehalten, das Video gepostet und damit ungewollt (wie er gegenüber Veit Medick behauptete) Hillary Clintons Wahlkampagne ins Wanken und den US-Präsidentschaftswahlkampf gefährlich durcheinander gebracht. Danach versteckte er sich und gab (dennoch) Interviews, wie sehr ihn das alles fertiggemacht hat. Wieder einmal zeigte sich: Wer vorher über die Konsequenzen seines Tun und Lassens nachdenkt, ist klar im Vorteil.
Spontaneität und Authentizität sind überbewertet. Körperliche Gesundheit und Stärke sind in den USA der Gegenwart nach wie vor Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Präsidentschaftskandidatur. Das erscheint zunächst vielleicht archaisch und unzeitgemäß, aber für die Mehrheit der US-Amerikaner gilt ihr Staatsoberhaupt noch immer als der mächtigste Politposten der Welt. Der US-Präsident hat nicht nur verfassungsmäßige Rechte wie ein europäischer Fürst des achtzehnten Jahrhunderts, für ihn oder sie gelten auch nach wie vor dieselben Anforderungen. Und da gehört ein perfekter state body dazu.
Mit Ronald Reagan wurde 1981 bis 1989 erstmals ein Hollywood-Schauspieler zum 40. Präsident der Vereinigten Staaten gewählt. 2016 war es bereits ein Reality-TV-Star. Und als dessen Gegenkandidatin im Wahlkampf 2020 wird in den bundesweiten Medien laut über eine Talkshowmasterin nachgedacht.
Die Wochenzeitung Penny Satirist äußerte bemerkenswerter Weise bereits am 28. September 1844 den Wunsch: „we want a queen who will speak to the nation, who will show us her mind by the expression of her thoughts“ („wir wünschen eine Königin, die zur Nation sprechen wird, die uns ihren Sinn vermittels des Ausdrucks ihrer Gedanken zeigen möchte”).
Ein jahrhundertealter Traum ist dank Social Media wahr geworden, wir sind direkt mit Kopf und Herz der Monarchie verlinkt. Heute vergleichen Präsidenten mit Diktatoren via Twitter die Größe ihrer Atomknöpfe. Und alle sind wir live dabei.
Careful what you wish
You may regret it
Careful what you wish
You just might get it

SAD!


Fortsetzung folgt…


Mittwoch, 25. April 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 29)


Teil 29: Endlich Frühling!


Frühling in Connecticut. Der Dauerregen ist zu Ende. Die Sonne scheint, und die Bäume blühen. Die Squirrels hängen kopfüber in den Ästen und keckern. Offensichtlich ist ihr ganzes Blut gerade anderswo, und sie sorgen so für Ausgleich. Die Vorgärten präsentieren sich Krokus-Blau, Veilchen-Lila und Schneeglöckchen-Weiß. Seit neuestem auch Löwenzahn-Gelb. Die Bienen eilen mit vollen Höschen zwischen die Blütensträucher, und die Bienchen sind die einzigen, die sich über volle Hosen freuen dürfen. Auf dem lichtblauen Himmel drehen die Bussarde majestätisch ihre Kreise, bewahren einen kühlen Kopf und den Überblick über das Sprießen, Summen und Brummen in den Parks und Grünanlagen.
Ich bin derweil noch immer damit beschäftigt zu lernen, europäische Namen und Begriffe so falsch auszusprechen, dass mich meine US-amerikanischen Gesprächspartner richtig verstehen. Wo das Problem liegt? Für mich zum Beispiel darin, auf einem Plakat für eine Konzertreihe in Wolsey Hall den Zusammenhang zwischen dem Veranstaltungstitel „Back to Back“ und Johann Sebastian Bach herzustellen. Der Wortwitz erschließt sich, wenn man „Bach“ landesüblich und nicht Deutsch ausspricht. Wobei „landesüblich“ natürlich wie überall anders auf der Welt auch gleichbedeutend mit „richtig“ verstanden wird. Und jetzt stelle man sich das Ganze mit Französischen, Lateinischen oder Altgriechischen Begriffen vor, unter anderen mit dem Morbus Raynaud in meinen Fingern und Zehen. Der Name klingt eigentlich wie Renault. Die hiesige Version kommt da allerdings nicht ansatzweise hin, weder zum französischen Namen der Krankheit noch zu dem der Automarke. Das Ansingen von alten Gus Backus-Schlagern, z.B. von aus Kindheitserinnerungen mühsam verdrängten Perlen der Schlagermusik wie „Brauner Bär und weiße Taube“, kann erschreckender Weise wirklich helfen, den passenden Zungenschlag zu treffen. Und für alle, die Gus Backus nicht mehr kennen, Sarah Jane Scotts beliebte Weisen erledigen den Job genauso gut.
Gelernt haben Juliane und ich inzwischen auch, dass es ein furchtbares Missverständnis geworden wäre, wenn wir abends den Notruf 911 gerufen hätten, als eine unserer jugendlichen Nachbarinnen bei zirka drei bis sechs Grad Außentemperatur nur im Bademantel und barfuß hinaus auf die Straße gestürzt war. Sie war nämlich weder auf der Flucht vor häuslicher Gewalt, noch waren ihr ein Einbrecher oder sonst ein Unhold auf den Fersen. Sie holte sich bloß ihre Pizza vom Pizzaboten im auf der Fahrbahn geparkten Auto. Wir erinnern uns: barfuß. Bestimmt, um dann auf der Couch mit angezogenen Füßen die Pizza direkt aus der Schachtel zu verputzen. Ein entsprechender Fußabdruck einer unserer Vormieterinnen ziert unser weißes Sofa. Unter der Tagesdecke. Aber was verzapfe ich da schon wieder für Vorurteile?
Yale Philharmonia, Wolsey Hall.
Jede Menge Vorurteile wurden dieser Tage widerlegt und bestätigt. Ein mehrfach bestätigtes positives Vorurteil meinerseits ist die hohe Professionalität der Yale School of Music. Die Musikerinnen und Sänger sind spitze. Jedes Konzert und jede Aufführung sind ein Ohrenschmaus. Auf dieser Grundlage und von der professionellen Grafik und Bildbearbeitung der Ankündigung beeinflusst, dachte ich dasselbe auch von den Tanzgruppen der Yale Universität. Meine Therapeutin, eine ehemalige Ballerina mit osteuropäischen Wurzeln, hat an dieser Stelle meiner Erzählung schon gelacht. Sie sagte, ich hätte sie fragen sollen, bevor wir die Karten für die Präsentation am Semesterende gekauft hatten. Herzlich gelacht hat auch meine ebenso perfektionistische Gattin, als wir in der Pause die Vorstellung frühzeitig verließen. Zusammen mit ein paar anderen Besuchern, die keine Freundinnen der Darsteller oder Undergraduates (= Studenten vor dem ersten akademischen Grad) waren.
Von Beginn an waren in etwa ebenso viele Tänzerinnen und Darsteller auf der Bühne wie Publikum davor. Der Blick in die Runde brachte mich soweit, mich augenblicklich uralt zu fühlen. Insbesondere bei den sexy bzw. erotisch gedachten Darbietungen fühlte ich mich rasch wie der in Wien sprichwörtliche „Kinderverzahrer“. Die offenherzigen Formen und Bewegungen entsprachen dem Körperbewusstsein von Frühpubertierenden. Ich wusste vor Scham gar nicht, wo ich hingucken sollte. Völlig andere Generation, hätte ein lieber Freund von mir ausgerufen. Ich ignorierte beständig die Details und bestaunte fasziniert das allgemeine Geschehen. Um bejubelt und beklatscht zu werden, reichte das Betreten der Bühne. Ich habe seit ich vierzehn oder fünfzehn Jahre alt war in Theaterstücken und Performances mitgespielt, und in diesem Probenzustand hätte ich mich nicht ins Rampenlicht getraut. Eben weil ich eine Rampensau bin. Und mich meine eigene Mutter bis zur Heiserkeit ausgebuht hätte. Hier im Zuschauerraum klingelten mir schon nach jedem Black vor einem Szenenwechsel vor Jubel und Beifall die Ohren. Die populärsten Akteurinnen wurden mit ihren Namen bejubelt. Da tönte es laut: „Okay, Cara!“ und „Okay, Sara!“ Und meiner Frau entglitt dazu mehrfach ein verzweifeltes: „Warum?“
Suchbild: Finde die institutionalisierten Geschlechterrollen!
Ich weiß jetzt immerhin endgültig, dass das Vorurteil, alle Afroamerikaner könnten tanzen, falsch ist. Schwule Jungs dagegen können definitiv tanzen. Sie waren die einzigen, die mir glaubhaft vermittelten, dass sie ihr Tun ernst meinten. Von allen anderen hatte ich den Eindruck, sie zeigten mir Posen, die Tänzerinnen und Tänzer darstellten. Von Körperspannung und Selbstverständlichkeit war noch nicht viel zu sehen. Und die Rollen, die sie für sich gewählt hatten, verkörperten trotz altgriechischer Szenentitel das Klischee einer Lebensrealität, die mit der von Yale-Studenten so vieles gemeinsam hatte wie ein Fiat Panda mit einem Porsche Cayenne. Hip-Hop und Rap bildeten den Großteil der Musikauswahl. Die Choreographien imitierten in schlimmer Weise YouTube. Es stimmt, dass es noch Gesellschaften gibt, in denen es außergewöhnlich erscheint, wenn eine Frau Single ist und ihre Rechnungen selbst bezahlt, für die Mehrheit der westlichen Welt ist das meiner Meinung nach normal und schlicht notwendig. Die Aufführung hinterließ auf meiner Zunge gerade darum einen bitteren Beigeschmack, weil die meisten der Mädels und Jungs auf und vor der Bühne bezahlten keine ihrer „Bills“ selbst. Das machten größtenteils Mommy und Daddy daheim. Urlaubstrips inklusive. Und das sie überhaupt hier in Yale studierten, das hing von der wirtschaftlichen Situation ihrer Familie und einem Empfehlungswesen ab, das erblich ist. Oder von hart erarbeiteten Stipendien. Erst diese günstige und privilegierte Ausgangssituation bietet innerhalb des politischen und wirtschaftlichen Systems der USA überhaupt die Möglichkeit, all die Fähigkeiten und Kenntnisse zu erwerben, die hier geboten und errungen werden. Wobei wiederum die meisten der Lehrenden ihre Abschlüsse an anderen Unis gemacht haben. Absolventen verteilen sich auf die gutbezahlten und prestigeträchtigen Jobs. Ein Teufelskreis. Und ich fürchte, die derart von gerade diesen Jugendlichen dargestellte und als Role Model interpretierte Gesellschaftsschicht hätte sich von ihrer Aufführung und Verkörperung ordentlich beleidigt gefühlt. Check your privilege!
Wie dem auch sei. Wir haben gelernt, diese Aufführungen sind von und für Undergraduates. Sie funktionieren nicht nach dem Leistungs-, sondern nach dem Social Media- oder Wunschkind-Prinzip: Du bist toll, und wir sind dazu da, damit du dich gut fühlst. Fürs Teilnehmen gibt´s für jede und jeden eine Urkunde. Für alles Applaus. Und wenn Du Mist baust, dann darf man das nicht überwerten. Und by the way, du gehörst auch noch zur Elite. Und da wundert sich wirklich noch jemand, dass es ein wachsendes Problem mit schrumpfender Frustrationstoleranz gibt?
Ich beobachte eine Elite, die wie selbstverständlich alle ihre Vorteile genießt, aber neuerdings alle äußeren Zeichen ablehnt, die jene unsichtbare Schwelle aufrichten, die gesellschaftliche Schranken ermöglicht. Kleidung und Benehmen einerseits, die imposante Architektur der Colleges andererseits. Dieser innere Widerspruch löst die von früheren Generationen bewusst erhaltene Schwellenangst auf. Was auf den ersten Blick positiv klingt, birgt meiner Meinung nach eine große Gefahr für das Gleichgewicht dieses Systems, da die tatsächlichen gesellschaftlichen Grenzen erhalten werden: Die Unis sind keine Sicherheitszonen für die Nachkommen mehr. Dieser Tage wurde der erste bewaffnete Überfall innerhalb eines so genannten Dormitorys gemeldet. Zwei Studenten wurden auf ihrem Zimmer in einem Yale Residence College ausgeraubt. Elektronik und Bargeld gestohlen. Vom Täter keine Spur. Wie die universitätsfremde Person dorthin gelangt war, trotz Security und alle möglichen Sicherheitsschranken, das wird noch für viel Kopfzerbrechen sorgen und wahrscheinlich ein paar Anwälte beschäftigen. Die Undergraduates gelten rechtlich als minderjährig, die Uni übernimmt quasi die Elternschaft (in loco parentis). Jedenfalls beim Zusehen dieser in jeder Hinsicht bemerkenswerten Tanzaufführung fühlte ich deutlich die Richtigkeit der Theorie, dass ein Universitätsstudium die Kindheit verlängert. Und das erscheint auch von allen Beteiligten gewünscht.
Ich konnte es nicht erwarten, erwachsen zu werden. Als ich als Jugendlicher „Brave New World“ von Aldous Huxley gelesen hatte, habe ich mir am Ende gewünscht, in die Strafkolonie am Ende des Romans verbannt zu werden. Zu all den Querdenkern und Intellektuellen, die nicht ins System passten und das auch gar nicht wollten. Die großen US-amerikanischen Unis entsprechen dieser Vorstellung bis zu einem gewissen Grad. Es sind Inseln der Seligen inmitten eines Ozeans aus Armut, Ungleichbehandlung, Alltagsrassismus und wirtschaftlichem Druck. Hier gilt keines der in Europa geläufigen Vorurteile über die USA. Klischees, die über dem Atlantik auch gerne gehegt und genährt werden, um sich als Alte Welt überlegen zu fühlen. Hier leben und von hier stammen die meisten der sechs von zehn Amerikanern, die gegen Donald Trump´s Politik sind.
Unterm Strich muss ich mir nach alldem zurecht den Vorwurf gefallen lassen, dass ich auch zu den Privilegierten gehöre, über die ich mich weiter oben mokiert habe. Ja noch schlimmer, bin ich doch noch nicht einmal selbst der Gelehrte, sondern bloß der Ehepartner.
Zu meinen angenehmsten Privilegien gehört, dass ich mir großartige Vorträge hervorragender Wissenschaftler anhören kann. Zuletzt von Cristóbal Rovira Kaltwasser über Populismus. Über die Politik, die wie keine andere „das Volk“ und „die Elite“ zu Widersachern erklärt und gegeneinander ausspielt. Da werden Millionäre zu Anwälten des kleinen Mannes gemünzt, und Lügen als bares Geld genommen. Auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht: „Geh Du weg, dass ich hin kann!“ Die Veranstaltung musste aus Platzgründen verlegt werden. Faszinierend, wie wenig populär Vorträge über Populismus sind. Wir waren insgesamt nur sechs Männer und zwei (!) Frauen. Es war gerade darum hoch interessant zu erfahren, dass weltweit der Populismus viel häufiger gescheitert ist als er erfolgreich bleibt. Von wegen auf dem Vormarsch! Da ist es doch für gewisse Politiker richtig angenehm, dass Inhalte, Ergebnisse, Zahlen und Fakten der Geistes- und Sozialwissenschaften der Öffentlichkeit als „weich“ und „exotisch“ dargestellt werden. Auch von populären Vertretern der so genannten „echten Wissenschaft“. Von den elitären Intellektuellen und Vertretern der „Orchideenfächer“ möchte niemand mehr, oder nur noch sehr wenige, erklärt bekommen, wie das System funktioniert, das so viele an der Nase herumführt. Also weg damit, den Elfenbeinturm einsparen und Allgemeinnützliches mit dem Geld finanzieren!
Aber im Moment weht hier ein ganz anderer, warmer Wind. Wir haben Frühling. Ich genieße, was geht. Der Dauerregen ist vorbei. Der Himmel ist Cyan-Blau. Die Tage werden länger, und die Hosen endlich kürzer. Ich freue mich schon sehr auf meine Cargo Shorts. Ich bin wieder mehr zu Fuß unterwegs. Jedes Mal ein wenig länger und weiter. Vorbei an den Narzissen-Beeten vor und zwischen den Wohncolleges. Unter dunkelrot blühenden Alleebäumen die wuchtigen Departments und Bibliotheken entlang zu Harkness Tower mit seinem Glockenspiel. Ein wenig Gothic Novel im Sonnenschein. Etwas Ausrasten im Schatten der Magnolienblüten. Dann wieder zurück dem grellen Leuchten der Forsythien auf dem Science Hill entgegen. Ein paar Stunden unterwegs, und ich habe den Campus nicht verlassen.
Ich bin Gilligan, und Yale ist meine Insel!

Fortsetzung folgt…




Samstag, 21. April 2018

Paulus und noch mehr Haareraufen - Kommentar zur Verhüllung des weiblichen Haupthaars

By Bartolomeo Montagna -
 EwEzl9zb0cohpg at Google Cultural Institute maximum zoom level,
Public Domain,
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23980761

Lassen wir es einmal dahingestellt, ob es sich bei der Forderung nach einem Verbot des islamischen Kopftuchs in Kindergärten und Volksschulen seitens der Politik um einen Smogscreen handelt, um von weit drängenderen politischen Problemen abzulenken. Hinterfragen wir auch nicht die Möglichkeiten der Gesetzgebung in einem aufgeklärten Verfassungsstaat. Versuchen wir stattdessen mit den schriftlichen Quellen, die jeder und jedem leicht zur Verfügung stehen, zu ergründen, wo die ganze Debatte innerhalb der so genannten westlichen Gesellschaft um das Verhüllen der weiblichen Kopfhaare seinen Ursprung nahm.
Ich weiß, diese Aufgabenstellung gestaltet sich dieser Tage nicht leicht. Vieles, das auf Grundlage ordentlicher Feldforschung und fundierter Literaturstudien geschrieben, gelesen und gelehrt wurde, kann heute in der angeheizten Diskussion in gutem Glauben und/oder frei nach Gutdünken einfach so vom Tisch gewischt werden. Nichtsdestotrotz werde ich es an dieser Stelle erneut, unaufgeregt und mit Fleiß versuchen, ich habe nämlich sehr viel Recherchematerial und Zeit:

Durch die Verbreitung des Christentums fand auch die Deutung des weiblichen Haupthaares als sekundäres Geschlechtsmerkmal und sexuelles Attribut Eingang in die europäische Alltagskultur. Unser „westliches“ Verständnis für diese Dinge scheint bis heute von den griechischen, römischen und monotheistisch orientalischen Ansätzen geprägt zu sein. Diese sprachen der Frau eine rein passive Rolle zu. In vielen heidnischen, vor allen keltischen und germanischen Gesellschaftsformen, sah das Geschlechterverhältnis anders aus. Viele erinnern sich bestimmt, dass es unter älteren Frauen auf dem Land stets üblich war, ein Kopftuch zu tragen, sobald sie das Haus verließen. Auch das Sprichwort, jemanden „unter die Haube zu bringen“, zu verheiraten, legte beredtes Zeugnis ab. Maria Theresia und Queen Victoria trugen seit dem Tod ihrer geliebten Ehemänner (1765 bzw. 1861) bis zu ihrem Tod eine Witwenhaube (1780 bzw. 1901). Wollte ein christlicher Künstler die Unbeflecktheit der Heiligen Jungfrau Maria zum Ausdruck bringen, stellte er sie mit offenem wallendem Haar dar. Nur unverheiratete und somit jungfräuliche Mädchen durften so zur Kirche gehen. So einfach und eindrücklich war das. Seinen Ursprung hatte diese Prägung im ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther:

„Eine Frau aber, die betet oder prophetisch redet mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt; denn es ist gerade so, als wäre sie geschoren.
Will sie sich nicht bedecken, so soll sie sich doch das Haar abschneiden lassen! Weil es aber für die Frau eine Schande ist, dass sie das Haar abgeschnitten hat oder geschoren ist, soll sie das Haupt bedecken.“
[1 Kor 11, 5-6; Lutherbibel 1984]

Der Text stammt aus dem Jahr 50 oder 51 n. Chr., die Autorenschaft von Paulus gilt unter Theologen als unbestritten. Insbesondere für Argumente in der Debatte um das islamische Kopftuch im öffentlichen Raum wird der Paulusbrief oft und gerne zurate gezogen. Das Sendschreiben regelte mehrere Fragestellungen, der Brief umfasst seit dem Mittelalter sechzehn Kapitel. Unter anderem auch das Geschlechterverhältnis. Ganz im Sinne seines Glaubens und des Verständnisses wie es im rund zweihundertfünfzig Jahre älteren Text von Jesus Sirach Ausdruck findet, beschrieb Paulus den Mann als das „Haupt der Frau“ [1 Kor 11,3; ebd.].


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Das Buch Jesus Sirach (auch Ecclesiasticus oder Ben Sira et alii) stammt aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert. Es ist ein zumeist als apokryph beschriebener Text der Weisheitsbücher der jüdisch-christlichen Bibel. Martin Luther hat das Buch aus seiner Bibelübersetzung gestrichen aus Mangel an Beweisen für seine Authentizität. Diese sind inzwischen von der Archäologie erbracht worden, aber der Reformator hatte auch große Probleme mit dem Inhalt des Textes. In reformierten Bibelausgaben sucht man dieses Buch vergeblich, in ökumenischen und katholischen findet man es sehr wohl. Das Gesinnungstestament eines Gelehrten und Lehrers warnt vor den schlimmen Folgen einer missratenen Kindeserziehung für das gesellschaftliche Ansehen eines Mannes bzw. Vaters (Kapitel 22). Der Text gibt in der Folge erste, d.h.: im Rahmen der monotheistischen Buchreligionen bezeugte, klare Anweisungen für die unterschiedliche Erziehung von Jungen und Mädchen:

„Eine Tochter ist für den Vater ein Schatz, den er hütet, die Sorge um sie nimmt ihm den Schlaf:
in ihrer Jugend, dass sie nicht verschmäht wird,
nach der Heirat, dass sie nicht verstoßen wird,
als Mädchen, dass sie nicht verführt wird,
bei ihrem Gatten, dass sie nicht untreu wird,
im Haus ihres Vaters, dass sie nicht schwanger wird,
im Haus ihres Gatten, dass sie nicht kinderlos bleibt.
Mein Sohn, wache streng über deine Tochter, damit sie dich nicht in schlechten Ruf bringt,
kein Stadtgespräch und keinen Volksauflauf erregt,
dich nicht beschämt in der Versammlung am Stadttor.
Wo sie sich aufhält, sei kein Fenster, kein Ausblick auf die Wege ringsum.
Keinem Mann zeige sie ihre Schönheit und unter Frauen halte sie sich nicht auf.
Denn aus dem Kleid kommt die Motte, aus der einen Frau die Schlechtigkeit der andern. Besser ein unfreundlicher Mann als eine freundliche Frau und (besser) eine gewissenhafte Tochter als jede Art von Schmach.“
[Jesus Sirach 42, 9-14; Einheitsübersetzung]

Diese Worte beinhalten ganz gewiss einen gewissen Widererkennungseffekt z.B. mit einem Harem. Ihr Ursprung liegt im antiken Jerusalem (oder Alexandria). Der Verfasser, ein gebildeter Jude, gibt seinem Sohn Erziehungstipps, Richtlinien, die lange Zeit, in manchen Teilen der Gesellschaft bis heute, Gültigkeit haben. Wer jetzt denkt, den (Enkel-)Söhnen erginge es liebevoller, die oder der irrt gewaltig:

„Wer seinen Sohn liebt, hält den Stock für ihn bereit, damit er später Freude erleben kann.
(…)
Beug ihm den Kopf in Kindestagen; schlag ihn aufs Gesäß, solange er noch klein ist,
sonst wird er störrisch und widerspenstig gegen dich, und du hast Kummer mit ihm.“
[Jesus Sirach, 30, 1 und 12; ebd.]

War und ist die von Jesus Sirach vertretene Pädagogik aus heutiger Sicht archaisch, brutal und nach aufgeklärtem Verständnis gegen die Menschen- und Kinderrechte, so hielt der Text auch überaus praktische Verhaltensregeln für fast alle Lebenslagen bereit. Das reichte von Tischsitten bis zum Umgang mit Freunden, Vorgesetzten und sogar mit Kreditwesen. Insbesondere für ultra-konservative religiöse Gruppierungen hat Jesus Sirach im Krankheitsfall einen guten Rat. Und um hier nicht nur seine schwarze Pädagogik zu zitieren:

„Doch auch dem Arzt gewähre Zutritt! Er soll nicht fernbleiben; denn auch er ist notwendig.
Zu gegebener Zeit liegt in seiner Hand der Erfolg, denn auch er betet zu Gott,
er möge ihm die Untersuchung gelingen lassen und die Heilung zur Erhaltung des Lebens.“
[Jesus Sirach 38, 13-14; ebd.]

Niemand hätte nach Aufklärung und Kulturkampf in Europa damit gerechnet, dass Paulus im einundzwanzigsten Jahrhundert noch einmal gesellschaftspolitische Relevanz bekommt. Für die australische Erfinderin des Burkini, Ahada Zanetti, bedeutet die verhüllende Badekleidung aus einem Lycra-Teflon-Stoffmix vor allem eines, nämlich Teilnahme am öffentlichen Leben. Während in Mitteleuropa heftig über ein Verbot des Burkini in öffentlichen Badeanstalten und an Stränden diskutiert wird. Der Name Burkini ist eine Wortkreuzung aus "Burka" und "Bikini". Er beschreibt einen Zweiteiler zum Baden, dessen lange Hose und Oberteil Arme und Beine bedecken. Kopf und Hals bekleidet der angenähte "Hijood", seinerseits ein Wortspiel aus "Hidjab" (dt.: Kopftuch) und "Hood" (dt.: Haube). Das Gesicht bleibt frei.
"Der Körper einer Muslimin wird immer politisiert. Egal, ob er bedeckt ist oder nicht", sagt Ahada Zanetti, die auch die Sportbekleidung für Afghanistans Frauen-Fußballteam und Bahrains Olympia-Läuferinnen entworfen hat [Zitiert nach: derstandard.at, 22.August 2016]. Dass sie mit den Produkten ihrer Firma Ahiida muslimischen Frauen Selbstvertrauen und Komfort bieten möchte, argumentiert Ahada Zanetti so: „Sie wollen, dass wir uns in ihre westlichen Ideen einfügen. Ich bin eine fähige, unabhängige Frau. Das ist mein Körper, mein Tempel. Ich entscheide, wie ich ihn zeigen möchte." [ebd.] Und sie bezieht sich mit ihren Worten, bewusst oder unbewusst, auf den Apostel Paulus und seinen ersten Brief an die Korinther aus dem ersten Jahrhundert:

Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?
Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.
[1 Kor 6, 19-20; Lutherbibel 1984]

In der spätantiken männlich dominierten hellenistischen Gesellschaft rannte Paulus als römischer Bürger jüdischen bzw. später christlichen Glaubens mit seinen Wertvorstellungen offene Türen ein. Das Resultat war, dass mit der Machtergreifung des monotheistischen Christentums im römischen Weltreich das Weibliche zunächst komplett aus dem öffentlichen Raum und der Religion verbannt wurde. Die alten Götter wurden zu Dämonen gemacht, die uralten Muttergöttinnen verteufelt. Die Misogynie, die Frauenfeindlichkeit, feierte in Theologie und Politik fröhliche Urstände. Nur in der europäischen Volksfrömmigkeit konnte dieses rigide Konzept nicht gänzlich greifen. Die Marienverehrung machte dem Bestreben einen dicken Strich durch die Rechnung. Und vorchristliche Vorstellungen und Kultplätze blieben Überlieferungen, Inquisitionsakten und modernen archäologischen Befunden zufolge bis ins Hochmittelalter und in Britannien bis in die Neuzeit am Leben.


Mittwoch, 18. April 2018

MIASMA-Exemplare erhältlich

Von meinem 2007 erschienenen Debütroman und erstem Verschwörungsthriller über zwei Freunde, die einem historischen Geheimnis näher kommen als ihnen lieb ist, sind einige Exemplare aus der ersten, inzwischen vergriffenen Auflage direkt vom Verlag erhältlich. 
Um eines (oder gleich mehrere) zu erwerben, einfach ein Mail an die Verlegerin schicken:

elena.ostleitner@vierviertelverlag.at


"Miasma oder: Der Steinerne Gast" ist ein schönes und qualitativ hochwertig hergestelltes Buch (siehe Foto). Inhaltlich hat es meiner Meinung nach alle Stärken und Schwächen eines Erstlings. Ich denke, Buchliebhaber werden ihre Freude an der Ausgabe haben. Und Fans von Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Schubert sollten auf alle Fälle ein Exemplar haben oder als Geschenk bekommen. Wo doch beide Komponisten ein und dieselbe Person waren... ;-)
Viel Spaß beim Lesen und Alles Liebe!
19.11.2008: Elena Ostleitner, meinereiner, Richard Steurer. (v. l. n. r.)