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Sonntag, 13. August 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 11)



Teil 11: Der aus der Reihe tanzt


Green, New Haven CT
„Was haben Gäste und Fisch gemeinsam?“, fragt das Sprichwort. „Beide fangen nach drei Tagen zu stinken an!“, antwortet es sich selbst und will Übles für Andere. Unsere Gäste haben nach vier Tagen noch nicht einmal einen Geruch fahren lassen. Ihr Aufenthalt war eine Freude, und ihr Abreisen hat Juliane und mir bewusst gemacht, wie schön es war, Menschen von zuhause um uns zu haben. Das heißt nicht, dass ich mich besonders und automatisch freue, wenn ich Leute aus Österreich oder Deutschland in den USA treffe. Oder bewusst ihre Nähe suche. Zuhause mache ich es auch nicht. Gelegentlich trifft man Menschen irgendwo in Yale und Umgebung, die einen daheim keines Blickes würdigen würden, und es später auch nicht tun werden. Aber im Ausland denken sie, müssen wir uns verbrüdern. Mit Andrea und Robert war dies nicht der Fall, die konnte ich auch in Wien schon gut leiden. Und in Dschibuti wird es genauso sein. Da die beiden vor ihrem Aufenthalt bei uns in Tennessee gewesen sind, waren sie es seit über zwei Wochen gewohnt, sich auf Amerikanisch zu unterhalten. Sowohl zuhause wie auf der Straße und unterwegs. Also genau wie wir. Sich jetzt so lange auf Deutsch zu unterhalten, war zum einen eine feine Sache, zum anderen bewirkte es Amüsantes wie Faszinierendes. Wir begannen nämlich untereinander, so etwas wie ein neues Kreol oder Unserdeutsch zu sprechen. Eine eindrucksvolle Mischung aus englischen Formulierungen mit deutschen Wörtern oder umgekehrt. In manche Sätze schlichen sich englische Ausdrücke und Phrasen ein, für die es für unser Gefühl keine passende Übersetzung zu geben schien. Genauso tauchten deutsche Wörter in englischen Gesprächen auf. Ich fühlte und fühle mich dann wie die jungen Menschen mit Migrationshintergrund, die deutsche Vokabeln und Phrasen in Gespräche in ihren Muttersprachen einflechten. Und dann wird mir schlagartig klar, ich bin so ein Mensch mit Migrationshintergrund in den USA. Und vieles, was mir vorher als nicht nachvollziehbar erschienen ist, ist jetzt ganz von selbst, ohne dass ich es je hätte beeinflussen können, Teil meines Alltags geworden. Reisen und Gäste erweitern auf solche Weise das Bewusstsein. Es ist wie der große US-amerikanische Autor Mark Twain festgestellt hat, eine fixe Regel: „Travel is fatal to prejudice.“ (dt.: „Reisen ist tödlich für Vorurteile.“)

Nach dem Besuch im „The Mark Twain House & Museum“ mit Andrea und Robert in Hartford, hängt ein weiterer Satz aus seiner Feder über meinem Schreibtisch, zusammen mit seinem wie immer kritisch dreinblickenden Porträt: „If you tell the truth you don´t have to remember anything.“ (Mark Twain, 1894) Also: Wenn ich immer die Wahrheit sage, brauche ich mich an gar nichts zu erinnern. Oder anders gesagt: Erzähle, oder modern: poste ich keine Geschichterln und Halbwahrheiten über andere und mich, kann ich mich nicht um Kopf und Kragen quatschen, wenn ich mich nicht an alle Versionen meiner alternativen Realität erinnere. Ich habe in Social Media-Foren Wissen über meine Berufsbeziehungen mitgeteilt bekommen, das mir selbst als Zeitzeugen und Beteiligten gänzlich unbekannt war. Woher dergleichen rührte, weiß ich nicht, und ich will es mir nicht vorstellen. Wirklich ist, was Wirkung hat!

Ich muss zugeben, dass ich Mark Twain aus ganzem Herzen bewundere. Weniger wegen seiner berühmten und mutigen Geschichten, sondern wegen seiner gedanklichen Vielfalt und seiner Zähigkeit, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks zu tragen. Wer ein gescheites Vorbild sucht, sich nach Schicksalsschlägen wieder aufzurappeln und aufzustehen, die überraschender Weise immer mitten im Gesicht und den Weichteilen landen, die oder der hat in Mark Twain seinen Champion gefunden. Ich jedenfalls den meinen. So berühmt er als Schriftsteller auch gewesen sein mochte, es war ihm nicht gegönnt, sein Leben auf der Butterseite zu verbringen. Echte Verluste, Krankheit und finanzieller Bankrott. Aber der Mann, so sehr er auch angezählt war, stand beim Glockenschlag auf den Beinen und stellte sich der nächsten Runde. Der Autor, den wir als Mark Twain kennen und lieben, wurde erst in seinen Vierzigern wer er heute für uns ist. Er folgte mit seinem Beispiel dem Glauben der alten Griechen, die die Akme, die Blüte eines Mannes, in diesem Lebensalter ansetzten. In der Mitte seines Lebens ist er in der Lage, sein Bestes zu geben. Nicht vorher. Dasselbe gilt in unserer Zeit ebenso für Mädchen und Frauen. Scheiß auf den Jugend- und Gesundheitswahn, sage ich. Twain schaue runter! Ich bemühe mich, es dir gleichzutun.

City Hall, Hartford CT
Zu Mark Twains Zeiten war Hartford, die Hauptstadt von Connecticut, the place to be. In Hartford und seinen Vororten versammelte sich alles, was in den USA Hirn, Rang und Namen hatte (was damals noch kein Widerspruch gewesen ist). So war z.B. Harriet Beecher, die Autorin von „Onkel Toms Hütte“, die Nachbarin von Mark Twain und seiner Familie. Heute erinnert ein Besucherzentrum an die Bürgerrechtlerin. 2017 regieren die Versicherungen das altehrwürdige Hartford. Das Stadtzentrum ist zu einem typisch US-amerikanischen urbanen Unort geworden. Das Stadtzentrum könnte sich gleichzeitig überall und nirgends befinden. Wolkenkratzer aus dem Art Deco ragen neben winzig anmutenden historischen Regierungsgebäuden auf, verschwinden zwischen Glasfassaden und erheben sich aus Ruinen. Zwischen offen zur Schau getragener Pracht und Wohlstand verrotten Hauserblöcke und Menschen. Ein paar dunkle Wolken am Himmel mehr, ein paar dampfende Kanalgitter in den vermüllten Seitengassen, und man fühlt sich wie in Gotham City aus den Batman-Comics. Für einen Menschen mit historischem, oder sagen wir: kulturellem Bewusstsein fühlt sich ein Besuch in der Hauptstadt des liberalen Bundesstaates wie eine Marsmission an. Wie die Reise in eine andere Welt, in der alle jemals von schlauen Frauen und Männern aufgeschriebenen Dystopien in die Wirklichkeit gebracht wurden. Die Denkmäler, Stelen und altertümlichen Backsteinbauten wirken darin wie ein zur Erinnerung an den Kühlschrank geklebtes Post-it. Ich kann mich aber beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, was die Notiz bedeuten sollte. Damit nur ja niemand jemals Anstoß an irgendetwas nehmen kann, wurde alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner nivelliert. Alle historisch gewachsenen und alleinstellenden Merkmale ausradiert. Übrig geblieben ist eine vom Kapitalismus geprägte Fassade, in der sich jede und jeder selbst der Nächste sein soll, und die Leere als kalte Brise aus jeder Ritze gähnt. In der örtlichen Gastronomie nur die beiden Extreme: Entweder Selbstbedienung oder Nobelschuppen mit Platzanweiser, Hemd- und Kostümpflicht und einer Tasse Kaffee um 100 US-Dollar. Ich fühle mich gelegentlich verloren in dieser Einkaufszentrum- und Parkhausatmosphäre. Aber die Amerikaner lassen sich nicht unterkriegen. Mark Twain nannte sich ja auch einen Yankee aus Connecticut. Und der Ösi in Connecticut spürt ihn hinter jedem Lächeln, hinter jeder freundlichen Geste und aller formeller Höflichkeit, den Pioniergeist, der die Menschen alles und jeden Präsidenten überleben lässt.

The master and his humble pupil...
Viele historische Symbole haben in der Gegenwart ihre Bedeutung gewechselt. Die berühmte Flagge aus den Unabhängigkeitskriegen mit der Klapperschlange, die droht „Don´t treat on me!“ (dt.: „Trampel ja nicht auf mir rum!“), die einst ein Symbol für die Rechte des Einzelnen und der Freiheit gewesen ist, kleben sich heute Ultrakonservative auf die Autos oder tragen sie als T-shirt. Ich wollte mir eine kaufen, so lasse ich das lieber. Andere dieser Zeichen bedeuten in den USA etwas völlig anderes als in Europa. In Europa fand ich es schick, als Zeichen meiner Rebellion eine Konföderierten-Fahne zu zeigen. Erst in den USA habe ich gelernt, was die Kriegsflagge der Südstaaten für einen großen und hart arbeitenden Teil der Bevölkerung wirklich bedeutet. Ich habe erst in den USA kapiert, was Segregation und White Supremacy wirklich bedeuten, was Sklaverei überhaupt bedeutet hat. Inzwischen denke ich mir auch meinen Teil, wenn ich einen Pickup sehe, an dessen Heck die Battleflag of the Republic klebt. Die Denkmäler der Konföderierten, um die anhaltenden Proteste und Gegendemonstrationen mit Todesopfern entbrannt sind, wurden oft fünfzig bis sechzig Jahre nach dem Bürgerkrieg errichtet. Für eine verlorenen Sache. Und welch Geistes Kind die Menschen sind, die sich auf diesen Verlust jeder Menschlichkeit als historisches Erbe berufen, zeigen sie selbst am besten wie z.B. Charlottesville, Virginia. Die USA sind eine Neue Welt, sie funktioniert nach anderen Regeln als die alte. Um erfolgreich und respektvoll mitzuspielen, muss ich die Spielregeln lernen und alte Vorstellungen und Deutungen vergessen.

Andrea und Robert waren zunächst die einzigen weißen Zuschauer bei einem Basketballevent im Stadtzentrum von New Haven. Auch die teilnehmenden Teams waren mehrheitlich farbig, bis auf ein paar einzelne Spieler bei den Erwachsenen. Machen wir, was hier üblich scheint, brechen wir anhand des Stadtbildes von New Haven alles auf den Rassenkontext hinunter: Die Afroamerikaner und Farbigen suchen ihr Heil im Sport. Die Asiaten opfern sich der Bildung. Und die Weißen? Was außer Herkunft und Erbe bleibt für sie? In Zeiten einer Entwicklung, bei der das Vergessen all dieser Dinge ihr politisches Ziel darstellt? Es kann doch nicht sein, dass ich mich als junger Weißer nur zwischen einer konservativen Vorstellung entscheiden kann, die so niemals existiert hat, oder einer Vergessens-Kultur, die alles Zwischenmenschliche in ihnen auslöscht. Unsere jugendlichen Mitbewohner bekommen von Mutti und Vati einen Studienplatz und einen neuen SUV in die Garage gestellt, aber ihre Schuhe häufen sie zum Verrotten auf dem Gemeinschaftsbalkon auf.

Sunset...
Wenn wir uns im Herbst in Österreich für eine Zukunft für unseren Kontinent entscheiden, sollten wir uns wirklich vor Augen halten, wohin die Entwicklung geht, nämlich hin zu einer Entscheidung zwischen Lügen und Vergessen. Es ist leicht und bequem, mit dem Finger auf die USA zu zeigen, aber solange wir jeden Trend und jede Mode nachäffen, sind wir bald wie unser schlimmstes Vorurteil über das Land der unbegrenzten Widersprüche. Alles, was im gegenwärtigen politischen Prozess in Europa den Menschen versprochen wird, existiert bereits in den USA. Corporate Medicine ist eine großartige Sache. Keine Wartezeiten, individuelle Betreuung. Der Preis für dieses abgespeckte und effiziente System ist, dass die Mehrheit der Bevölkerung keinen Zugang zur medizinischen Versorgung hat. Wenn wir uns in Zukunft „holen, was uns zusteht“, wer bestimmt, wem etwas zusteht? Folgten wir dem US-amerikanischen System, stünde zu vielen Menschen nichts zu, und die Mehrheit, getäuscht von der Politik, würde dem zustimmen. Die US-Amerikaner sind keine Idioten. Sie können das besser, und das wissen sie. Die Kurskorrektur hängt in der Luft. So laut kann das Gezwitscher aus dem Weißen Haus gar nicht werden, dass das Murren nicht hörbar bleibt. Check and balance!

Wenn die Menschen nur Unrat im Kopf haben, wer ist daran schuld? Diejenigen, deren Köpfe vergiftet und verblödet sind? Oder jene, die den Unrat hineinkippen?

Ich habe mich nach langem Überlegen dazu entschieden, im Oktober für die Liste Pilz zu kandidieren. Für dieses Mal habe ich keinen vorderen Listenplatz mehr ergattert. Ich rechne mit und hoffe auf die nächste Legislaturperiode. Mein Name findet sich diesmal auf der Landesliste Wien in der Regionalparteiliste 9D. Alle Leserinnen und Leser, die dazu berechtigt sind, lade ich ein, mir ihr Kreuz zu schenken.


Fortsetzung folgt…
Lighthouse Park, New Haven CT

Freitag, 28. Juli 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 10)



Teil 10: Andere Systeme, andere Sitten…


Ein College-Neubau...
Zuhause macht eine Schwalbe noch keinen Sommer. In New Haven macht ein Shuttlebus voller jugendlicher Chinesen eine Summerschool. Sprichwörter haben genau wie Werbeslogans viel an ihrer Glaubwürdigkeit verloren. Manch ein Vorsprung durch Technik entpuppte sich als Vorsprung durch B´scheissen (wie der Bayer sagt). Und doch steckt zumindest in jedem Sprichwort und jeder Bauernregel immer ein Kern Wahrheit, nämlich Beobachtung. Die Ankunft der Schwalben auf dem Land war und ist verlässliches Zeichen für den Sommer. Die Ankunft der jungen Chinesinnen und Chinesen in Yale war und ist es inzwischen auch. Eine Busfahrt oder ein Spaziergang durch das Stadtzentrum im Juli vermittelt einem leicht den Irrtum, nicht in New Haven zu ankern, sondern durch die Gewässer vor Qingdao oder Shanghai zu kreuzen. Für die jungen Asiaten ist ihr Aufenthalt in Yale allerdings weniger witzig, kein Urlaub auch nicht so etwas wie Bildungstourismus. Sie wurden von ihren Familien hergeschickt, um eine Entscheidung zu treffen. Und die wird den gesamten weiteren Kurs ihres Lebens bestimmen. Die Mädchen und Burschen müssen sich für ein Bildungssystem entscheiden. Entscheiden sie sich für das US-System, dann gibt es für sie alle keinen Weg mehr zurück in das Unisystem der Volksrepublik China. Unter dieser Prämisse ist es leicht nachzuvollziehen, unter welchen Leistungsdruck sie alle leben und darum rund um die Uhr pauken. Was eine Diskussion während einer Lehrveranstaltung mit ihnen erschwert, da sie oft vorher wissen wollen, was sie als Argumente auswendig lernen sollen. Über Träume mit ihnen zu sprechen, gestaltet sich zunächst völlig unmöglich. Es dauert, bis das Eis gebrochen ist. Da kann man sehen, was der real existierende Sozialismus den Menschen antut, möchte vielleicht eine oder einer an dieser Stelle ausrufen. Aber die Mädels und Jungen im Hörsaal haben sich für den Kapitalismus entschieden. Sie verfolgen einen ganz anderen Traum, den amerikanischen. Darin ist für Fantasien und Gedankenexperimente kein Platz. Der Zeitplan ist dicht, das Ziel klar: Job und Einkommen.

Neben den asiatischen Undergraduates (dt.: Bachelorstudenten) besuchen auch andere die Summerschool. Darunter auch viele Sprösslinge der wohlhabenden Ostküstenfamilien. Diese sind wirklich sofort an ihrem Aussehen und Benehmen zu erkennen. Böse Zungen würden sagen, dass die Zahl der Abkömmlinge jener Familien, die wiederum nur untereinander heiraten, gering ist, und darum der Genpool gut überschaubar. Diejenigen, die aus ihrem Herzen keine Mördergruben machen wollen, also Leute wie ich, würden es härter ausdrücken: Manche Sitzriesen sind der Grund, warum Cousine und Cousin nicht heiraten sollten. (Und zieht euch bitte etwas an! Eine sich auf den Collegehof ergießende Menge Fönfrisuren mit nackten Oberkörper, Shorts und in Badeschlappen ist kein schöner Anblick.) Aber die Uni hat sich inzwischen für alle Bevölkerungsgruppen geöffnet. Durchmischung, kulturell und biologisch, ist zum Vorteil aller garantiert. Vorbei ist die Zeit, in der jeder Yale-Student Hebräisch lernen musste, aber keine Juden aufgenommen werden durften. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts promovierten die ersten Afroamerikaner. Und seit den 1960igern werden auch Frauen zum Studium zugelassen. Trotzdem gab es in Yale vor kurzem einen rassistischen Skandal, der viel Aufsehen in den sozialen Netzwerken erregte. Eine Studentin schrieb in ihren Restaurantbewertungen frank und frei von „white trash“, benutzte das N-Wort für Afroamerikaner, und ließ sich recht eindeutig über Hispanics aus. Ihrer Lokalauswahl und ihrem Blickwinkel war zu entnehmen, dass sie sich selbst zum US-asiatischen Kulturkreis zählte.

Wer in Zukunft zu „The Chosen“ gehören möchte, zu den Absolventen einer der Big Three (der Ivy League Unis Harvard, Yale und Princeton), die und der besucht die Sommerschool. Da werden ihnen solche Allüren ausgetrieben, und sie bekommen einen Eindruck, was sie an der Uni für ihre Studienbeiträge erwartet. Ihnen gegenüber, also auf dem Katheder, sitzen und unterrichten waschechte Yale-Professoren. Gebildete und hochintelligente Frauen und Männer, deren Lebens- und Familiensituation es verlangt, sich während der Sommermonate um den wissenschaftlichen Nachwuchs zu kümmern, nicht bloß um die eigenen Kinder im neuerworbenen Eigenheim.

Farmington Canal...
Natürlich spielt auch die Optik eine tragende Rolle. Während in das UNESCO-geschützte Herz der Wienerstadt zwei Hochhäuser gesetzt werden, die in Ästhetik und Eleganz den schlechten Beispielen der Avantgardearchitektur des ehemaligen Ostblocks entsprechen, baut man in Yale ein neues College im Tudorstil. Die Baustelle beeindruckt mich, ich habe sie bereits erwähnt. Jetzt habe ich den Neubau aus Ziegeln und Sandstein in seiner vollen Ausdehnung gesehen, der einen guten Eindruck vermittelt, wie z.B. der royale Kensington Palace in London neuwertig ausgesehen haben muss. Juliane und ich waren entlang des trockengelegten und zum Radweg umfunktionierten Farmington Canal zum Yale Health Center spaziert. Durch Grünanlagen und unter Alleebäumen.

Im Yale Health Center haben Juliane und ich gelernt, dass unsere Erziehung schwarz war. Ich habe auch genug schwarze Pädagogik erleben dürfen, aber das meine ich nicht. Ich wartete auf eine Blutabnahme, wir saßen im Wartebereich. Wie immer gut gekühlt, draußen schwitzing away, drinnen bibbern. Mit uns wartete auch eine afroamerikanische Familie, d.h. die Oma im Rollstuhl, die Mama und der kleine Enkel. Die Mutter erledigte den Bürokratieteil und las aufmerksam die Papiere. Die Großmutter sagte zu dem Kleinen, er solle sich still beschäftigen und brav sein. Hätte ich den Kleinen nicht gesehen, ich hätte ihn nicht bemerkt. Juliane hielt sogar kurz einen anderen Patienten für verrückt, weil er scheinbar für Omas Rollstuhl lustige Grimassen schnitt. Aber dahinter saß der Junge. Dann erschien eine weiße Mutter, ob US-Amerikanerin oder Europäerin kann ich nicht sagen. Sie überschüttete ihren kleinen Sohn mit einer Flut an Aufmerksamkeit, in einer Heftigkeit und Lautstärke, dass der ruhigste Patient Gefahr lief, Herzflimmern zu bekommen. „Möchtest du die Leute begrüßen?“ Was ist denn das für eine Frage? Natürlich nicht! Welches Kind möchte freiwillig Wildfremden einen Guten Tag wünschen? Ich habe ja selbst keine Lust, zu jedem immer gleich freundlich und respektvoll zu sein. Aber so lauten nun mal die Spielregeln. Es war eine Freude, mich stechen gehen zu lassen. Im Behandlungsraum war es ruhig. Die Schwester musste eine Ärztin holen, weil sie meine Venen nicht fand. Ich war mir indes sicher, dass ich welche besaß. Aber ich verstand sie gut, mir Blut abzunehmen oder eine Infusionsnadel zu setzen ist wie Ledernähen. Da, wo die Narben sind, munter hineingestochen. Und wirklich hat alles bestens funktioniert.

Das medizinische Personal weiß in der Regel immer, was es tut. Und oft ist es mehr, als ich erwarte. Kleinigkeiten setzen Großes in Bewegung. Bei mir waren es zwei Hühneraugen. Ein Corn darf in den USA nur ein Arzt entfernen, mit zweien musste ich in die Ambulanz. Ich fand das etwas übertrieben und erwartete nichts. Kaum angekommen und angemeldet, wurde ich zum Röntgen abgeholt. Beide Füße von allen Seiten. Dann holte mich ein Krankenpfleger ab, setzte sich mit Juliane und mir in das Untersuchungszimmer, nahm meine Krankengeschichte auf und entschuldigte sich für den Doktor. Er bat förmlich um Verzeihung, dass wir zwanzig Minuten warten mussten! Ich hatte noch nicht einmal angefangen zu bemerken, dass ich wartete. Alle Voruntersuchungen waren erledigt. Nach zwanzig Minuten in einer Ambulanz in Europa schaue ich noch nicht einmal auf die Uhr. In den USA war es dem Arzt peinlich, dass er seinem Zeitplan nachlief. Nicht nur entfernte der Doktor meine schmerzhaften Zweitaugen, er ließ meine orthopädischen Einlagen umbauen. Er fand die Arbeit nice, aber für meine Bedürfnisse nicht perfekt. Dann kam ich ein wenig ins Schwitzen, weil er die Stirne runzelte und meinte, dass ich kein Kandidat für eine OP wäre, und er sich eine Behandlung mit Säure nicht traute, da man bei mir nicht wissen konnte, wie meine Haut reagierte. Danke, Stigmata an den Füßen wie der Heiland wollte ich nicht. Aber er beruhigte mich und konzentrierte sich auf die Einlagen. Neue, oder meine neuwertigen anpassen? Noch am selben Nachmittag bekam ich meine überarbeitet, fix fertig zum Anziehen. Orthopädische Einlagen in den USA werden so gebaut, erklärte mir die junge Frau dort, dass sie zwei bis drei Jahre halten. Individuelle Ursache und Nachhaltigkeit. Zwei Aspekte die das amerikanische Gesundheitssystem vom europäischen unterscheidet, die corporate medicine von der sozialen. Dazu muss ich festhalten, dass viel weniger Patienten dieselbe Anzahl Ärzte und modernstes Equipment zur Verfügung gestellt bekommen. Wer drinnen ist im System hat es gut.

Ich habe mich entschlossen, an einer von drei medizinischen Studien von Yale über Sklerodermie teilzunehmen. Dafür war mein Blut im Yale Health Center untersucht worden. Die Gewebeproben wurden mir im Yale New Haven Hospital entnommen. Zuerst mussten wir eine geeignete, soll heißen: betroffene Hautpartie auswählen. Dazu musste ich mein Hemd ausziehen. Meine Nacktheit, meine Hosen und Schuhe behielt ich an, löste typisch amerikanische Betroffenheit aus. Mitfühlend bot mir der Doktor ein Hemdchen an, um meine Blöße zu bedecken. „No! Thank you. I am European“, antworte ich und bestätigte dem netten Mann alle Klischees und Vorurteile Neuenglands über Europäer. Bevor ich das schmuddelige Fähnchen anzog, blieb ich lieber mit nacktem Oberkörper sitzen. Alles war vorbereitet, nur die Fläschchen für die Biopsie-Proben fehlten. Für mich kein Problem. Bis welche aufgetrieben waren, wirkte die Narkose. Dann wurden mir die Kekse aus der Haut gestanzt, und ich wurde wieder zugenäht. Alles in feinster Handarbeit. Als ich das desinfizierte Besteck daliegen sah, befürchtete ich Florence Nightingale käme persönlich als Krankenschwester zur Tür herein. Aber dieser Eindruck täuschte. Jetzt habe ich drei oder vier hübsche Schleifen im Leib, und die kommen nächste Woche wieder raus.

Wirkte das Operationsbesteck wie im neunzehnten Jahrhundert auf mich, meine Gewebespenden werden in modernster Stammzellenforschung eingesetzt. Ergebnisse werden relativ bald erwartet, eine Behandlungs-, vielleicht sogar Heilmethode in dreißig Jahren. Ich selbst habe also wahrscheinlich noch nichts davon. Trotzdem war ich von Anfang an überzeugt, mitzumachen. Seit ich an Sklerodermie erkrankt bin, suche ich nämlich auch nach etwas: Ich suche nach Sinn.

Fortsetzung folgt…
Alt und neu mal anders, rechts das ältere Yale Health Center...